„Wir k├Ânnen auch als kleiner Staat etwas bewegen“

In seiner diesj├Ąhrigen Neujahrsbotschaft m├Âchte Daniel Risch die liechtensteinische Bev├Âlkerung dazu animieren auch im Kleinen grosses zu bewirken.

1. Januar 2024 | Redaktion
Liechtenstein

Liebe Einwohnerinnen und Einwohner von Liechtenstein

Ich hatte kurz vor dem Jahreswechsel zwei Begegnungen, die mich nachdenklich gemacht haben.

Die erste Begegnung war mit meiner Tochter. Sie bekam in der Schule die Aufgabe, ein „Friedensplakat“ zu zeichnen. Ihr Plakat zeigt, wie die Welt von Frieden tra╠łumt. Darauf zu sehen ist eine Erdkugel mit geschlossenen Augen, mit Menschen aus allen Staaten der Welt, die das Friedenszeichen bilden. Ich finde das eine sehr scho╠łne Idee.

Die zweite Begegnung war mit jemandem, der mir vom so genannten „Overview- Effect“ erza╠łhlt hat. Ich gebe zu, dass ich diesen Begriff davor noch nie geho╠łrt habe. Der „U╠łberblick-Effekt“ beschreibt das Gefu╠łhl von Astronauten, wenn sie das erste Mal die Erdkugel von oben sehen.

Merkmale dieses Effekts seien ein Gefu╠łhl der Demut, ein tiefes Verstehen der Verbundenheit des Lebens auf der Erde und ein neues Empfinden von Verantwortung fu╠łr unsere Umwelt. Es wird als Erfahrung beschrieben, die die Perspektive auf unsere Welt, die Natur und die Lebewesen langfristig vera╠łndern soll.

Gescha╠łtzte Einwohnerinnen und Einwohner,┬ávermutlich werden die wenigsten von uns, das beschriebene Gefu╠łhl des „U╠łberblick- Effekts“ aus dem Weltall schon erlebt haben oder in Zukunft noch erleben ko╠łnnen.

Aber man muss vermutlich gar nicht so hoch hinauf. Mir selbst geht es auf den Drei Schwestern oder auf dem Alpspitz manchmal – glaube ich – ganz a╠łhnlich. Man schaut ins Tal, sieht praktisch unser ganzes Land, Teile der Schweiz und O╠łsterreichs, den Bodensee und an scho╠łnen Tagen sieht man sogar bis nach Bayern und Baden- Wu╠łrttemberg.

Es ist unsere „erweiterte“ Heimat, wo wir leben und wo all das ist, was wir scha╠łtzen. Die Menschen, die Natur. Topographisch geschu╠łtzt im wunderscho╠łnen Rheintal. Aber auch geschu╠łtzt durch die politische Stabilita╠łt, eine starke Wirtschaft und gute Beziehungen mit dem nahen und weiteren Ausland.

Wir alle ko╠łnnen unsere eigene aber auch die grosse Welt positiv vera╠łndern

Die Stabilita╠łt und Sicherheit und damit insgesamt die gute Ausgangslage in Liechtenstein erleichtern uns das ta╠łgliche Leben im Vergleich zu vielen anderen Menschen auf der Welt erheblich. Das ist gut, denn wir ko╠łnnen uns auch mit Themen der Zukunft intensiver auseinanderzusetzen, wenn wir nicht in ta╠łglichen Problemen untergehen.

Wir tun das in der Politik, wenn wir uns beispielsweise um die zuku╠łnftige Absicherung mit einem Beitritt zum Internationalen Wa╠łhrungsfonds ku╠łmmern. Oder wenn wir uns mit Energievorlagen befassen, um unsere Klimazielen zu erreichen, oder mit der Altersstrategie, um das lebenswerte A╠łlterwerden in Liechtenstein zu garantieren.

Ich mo╠łchte Sie ermuntern, dass auch in Ihrem ta╠łglichen Leben und Ihrem perso╠łnlichen Umfeld, so gut es geht, zu tun. Im Hier und Jetzt zu leben, aber zuversichtlich┬áEntscheide fu╠łr die Zukunft zu treffen. Denn wir alle ko╠łnnen unsere eigene aber auch die grosse Welt positiv vera╠łndern.

Manchmal hilft es, nicht nur auf einen Berg zu steigen und einen U╠łberblick zu haben. Auch ein Blick zuru╠łck auf das Erreichte kann ermutigend sein. Trotz aller globalen Schwierigkeiten hatte das letzte Jahr auch viele positive Momente. Ich denke dabei vor allem an die Feierlichkeiten rund um das 100-Jahr-Jublia╠łum des Zollvertrags mit der Schweiz oder auch an den Staatsfeiertag mit der Gastgemeinde Triesenberg auf dem Peter-Kaiser-Platz. Beide Veranstaltungen haben die Menschen zusammen- gebracht und den Zusammenhalt gesta╠łrkt.

Das zeigt auch: Wir pflegen stabile Beziehungen und den Zusammenhalt. Nicht nur nach innen, sondern vor allem auch nach aussen. Dies zeigt der Zollvertrag genauso wie der EWR, die UNO-Mitgliedschaft oder der Europarat. Gerade durften wir beim Europarat zum dritten Mal den Vorsitz u╠łbernehmen und ich weiss aus eigener Erfahrung, dass Liechtenstein auch international ein gescha╠łtzter Partner ist. Nicht nur, aber gerade auch, wenn wir uns fu╠łr die Menschenrechte und die Grundwerte wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einsetzen.

Wir ko╠łnnen als kleiner Staat in der Welt etwas bewegen ÔÇô und in unserem Land, kann auch jeder einzelne etwas beitragen.

Wir stehen vor einem hochpolitischen Jahr. Wir starten ins vierte Jahr der Legislatur und auch das Volk wird gleich mehrfach gefragt sein. Mehrere Volksabstimmungen sind angesagt. Und das finde ich gut. Denn anders als man manchmal ho╠łrt, gibt es in Liechtenstein nicht eine „Verbots“- sondern eine „Mitmach“-Kultur. Wir alle ko╠łnnen mitbestimmen, wir ko╠łnnen sagen, was fu╠łr ein Land und was fu╠łr eine Gesellschaft wir sein wollen. Die Regierung fu╠łhrt die Entscheide aus, Fu╠łrst und Volk geben den Weg vor.

Jede Abstimmung steht fu╠łr eine funktionierende Demokratie. Das Volk kann sich einbringen. Unterschiedliche Meinungen sind erwu╠łnscht, ja sogar notwendig. Es ist wichtig, dass wir Gespra╠łche und Diskussionen fu╠łhren. Dies geho╠łrt zu einer gesunden Demokratie dazu, genauso, dass wir auch einen Mehrheitsentscheid akzeptieren.

Auch das ist und gibt Stabilita╠łt!

Und wenn wir uns manchmal fragen, ob wir selbst den Unterschied machen ko╠łnnen, dann finde ich ein afrikanisches Sprichwort, das mir ju╠łngst begegnet ist, sehr ermutigend. Es lautet:

Viele kleine Leute, die an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, ko╠łnnen das Gesicht der Welt vera╠łndern

Und damit, sind wir wieder beim grossen Ganzen, bei der Erdkugel vom Anfang. Das Gesicht der Welt. Und weil wir nur die eine Erde haben, sollten wir ihr und uns Sorge tragen.

Mit diesen Gedanken wu╠łnsche ich allen ein erfolgreiches, gesundes und friedliches neues Jahr. Und ich hoffe, dass 2024 im Kleinen und Grossen ein Jahr der Stabilita╠łt, des Fortschritts und auch des Friedens sein wird. Es soll ein Jahr sein, wo wir aufeinander zugehen und bemu╠łht sind, Missversta╠łndnisse zu kla╠łren und den U╠łberblick nicht zu verlieren.

Ich wu╠łnsche Ihnen ganz ein gutes Neues Jahr.

Neujahrsbotschaft in Geb├Ąrdensprache. Video: IKR

 

Tochter von Daniel Risch zeichnete „Friedensplakat“. Bild: IKR

 

Regierungschef Daniel Risch.

Bild: IKR