Zwischen Welt retten und weiterjetten

Nach all den Einschränkungen der letzten Jahre endlich wieder in die Welt hinaus. Den tristen Wintermonaten entfliehen und in den Süden fliegen. Aber darf man das überhaupt noch?

2. November 2022 | Rita Feger
Gesellschaft

Ein einziger Hin- und RĂĽckflug von ZĂĽrich nach Ibiza verursacht pro Person in der Economy Klasse, knapp eine halbe Tonne Kohlendioxid. Auf die Malediven sind es bereits 2,5 Tonnen und nach Neuseeland ganze 6.7 Tonnen Kohlendioxid. Der ökologische Fussabdruck lässt sich heute ganz einfach ĂĽber Internetdienste wie „myclimate“ vom deutschen Umweltbundesamt berechnen. 

Dennoch fällt es schwer, ganz auf das Reisen zu verzichten. Reisen, wann immer und vor allem wohin man will, gehört für viele zu einem selbstbestimmten Lebensgefühl dazu. Hinzu kommt, dass die meisten Fernreiseziele nur mit dem Flieger in vernünftiger Zeit erreichbar sind. 

Klimaschützer und Reiseliebhaber stecken nicht selten in ein und derselben Brust und damit im Dilemma. Das Gefühl des Nicht-Verzichten-Wollens einerseits, gepaart mit dem schlechten Gewissen eines umweltbewussten Klimasünders andererseits, dürfte den wenigsten fremd sein. 

So hat sich auch der Lonely Planet Verlag in seinen jĂĽngsten ReisefĂĽhrern ĂĽber Europa den Klimaschutz gross auf die Fahne geschrieben. Ganz vorne mit dabei, ist die Ausgabe “Europa ohne Flieger”.  Autor Tom Hall gesteht selbst, dass das Dilemma “Fliegen oder Klimaschutz“ nicht ohne inkonsequentes Verhalten gelöst werden kann. 

Der langersehnte Tapetenwechsel kann demnach nur mit gewissen Anpassungen stattfinden: Führt aufgrund der geografischen Lage des Reiseziels kein Weg am Flugzeug vorbei, ist ein längerer Aufenthalt zu planen. Ausserdem sollten Inlandsflüge an der Wunschdestination möglichst vermieden werden.

Gemächliches Jetten kann nicht die Lösung sein

Dieser “gut gemeinte” Ratschlag wird jedoch von Klimaaktivisten kritisiert: “Gemächliches Jetten kann nicht die Lösung sein”, so die deutsche Journalistin Ulrike Herrmann in ihrem neuen Buch: “Das Ende des Kapitalismus” . Wer selbst fliegen wolle, müsse fairerweise akzeptieren, dass 90 Prozent der Weltbevölkerung, die übrigens in Wirklichkeit gar nicht fliegen, lange Fernreisen machen dürfe. Milliarden Menschen, die sich auf einmal in die Lüfte begeben, ist eine eher unbequeme Vorstellung. Der Klimakollaps wäre uns dann auf jeden Fall sicher. 

Mindestens ebenso erschreckend präsentiert sich die Realität: So soll laut dem Ökologen Stefan Gössling, Professor an er Lund Universität in Schweden, ein Prozent der Menschheit, für die Hälfte des jährlich weltweiten Kerosinverbrauchs verantwortlich sein. 

Aufgrund von Posts auf Facebook und Instagram konnte zudem Gössling nachweisen, dass Bill Gates, Jennifer Lopez und Paris Hilton im Jahre 2017 zusammen rund 4000 Tonnen Kohlendioxid mit ihren Privatflugzeugen hinterliessen. Gates, Hilton und Lopez waren die drei Spitzenreiter einer für die Studie begrenzten Auswahl Vielflieger-Promis.

Die Zahlen der 2019 veröffentlichten Studie sind bedrückend und eine Dunkelziffer ist sehr wahrscheinlich. Allen drei genannten Prominenten hat man ähnlich viele Flugstunden nachgewiesen. Bill Gates, der insgesamt über zwei Wochen im Flugzeug verbrachte, führte knapp vor Paris Hilton. 

Wer Klimaschutz will, muss sich vom Fliegen verabschieden

Reisen verursachen erhebliche Emissionen und “wer Klimaschutz will, muss sich vom Fliegen verabschieden”, ist Hermann überzeugt. Die Nutzung von Privatflugzeugen verschlimmern das Problem der Klimaerwärmung in groteskem Ausmass. Der Otto-Normalverbraucher ist dennoch betroffen. Denn je mehr bereits im Topf ist, desto weniger passt noch hinein. Mit Fairness hat das nichts zu tun, aber darum ging es auch nie. 

Weil alle Menschen dasselbe Recht haben, die Welt zu erleben, sollten sie es schonend tun. Eine Möglichkeit des schonenden Umgangs mit der Natur wäre dabei die Nutzung alternativer Fortbewegungsmittel. Andere Kontinente können auch auf dem Schiffsweg besucht werden. 

Allerdings darf man sich auch hier nichts vormachen. Ganz ohne Umweltverschmutzung geht es dann doch nicht: So emittieren Schiffe etwa drei Prozent der weltweiten Treibhausgase. Ein Umdenken in Richtung nachhaltiger Energie wĂĽrde jedoch die Seefrachten, die heute noch Gas, Ă–l und Kohle ausmachen, um 43 Prozent reduzieren.

 

Gössling, Stefan/Humpe, Andreas: The global scale, distribution and growth of aviation: Implications for climate change, Global Environmental Change, Vol. 65, 2020.

OECD/EUIPO, Misuse of Containerized Maritime Shipping in the Global Trade of Counterfeits, Illicit Trade, OECD Publishing, Paris 2021.

Bild: Shutterstock

Paris Hilton besucht die Erdbebenopfer von Xochimilco, Mexiko, im November 2018.