Weggeworfene Werkstoffe werden kreative Wertstoffe

Handwerkliche Materialien wie Papier, Metall, Plastik, Stoff oder Keramik erzählen viele bekannte und unbekannte Geschichten über ihre kreative Nutzbarkeit. Um Forschen und Formen mit weggeworfenen Werkstoffen geht es aktuell in einem Upcycling-Workshop im Vorkurs der Kunstschule in Nendeln.

8. Februar 2024 | Johannes Mattivi
Kultur

Der 55-jährige Workshop-Leiter Kelvin Birk weiss als gelernter Gold- und Silberschmied um den Wert von Werkstoffen. Schliesslich gehen im beruflichen Alltag im Londoner Atelier des gebürtigen Deutschen seit bald 30 Jahren jegliche Edelmetalle und Edelsteine durch die kreativen Hände seiner Handwerkskunst. Ob für einzigartig designte Fingerringe, Ehe- und Verlobungsringe, Handgelenks- und Halsschmuck oder andere schmückende Accessoires.

Neu formulierte Bruch-StĂĽcke

Soweit, so normal, müsste man meinen. Wäre Kelvin Birk nicht einer jener modernen Schmuckdesigner, der jegliches Material, das ihm in die Finger kommt, auf seine gestalterischen Möglichkeiten hin untersucht und aus der Kombination von vermeintlich Wertvollem und vermeintlich Wertlosem neue, unwiederholbare Schmuck-Accessoires schafft.

Und dabei ist auch das vordergründig Wertvolle nicht sicher vor seinem ungenierten Forscherdrang in die Formbarkeit von Material. «Ich zertrümmere auch teuer geschliffene Edelsteine und forme mit den Bruchstücken und Edelmetallen singuläre Fingerringe, die ich nicht in Serie bringen könnte. Oder ich giesse Goldringe, in die ich Diamanten während des Gusses einfliessen lasse – so kann es passieren, dass ein Diamant nach innen gerichtet im Goldfluss eintrocknet oder am Rand des Rings. Ich lasse den natürlichen Prozess in der Kreation mitarbeiten. Dadurch werden auch diese Schmuckstücke singulär», erklärt Schmuckdesigner Kelvin Birk, während er auf seinem Instagram-Account (kelvinjbirk) Beispiele seiner Schmuckdesigns zeigt, die tatsächlich völlig ungewöhnlich wirken.

«Mach was draus»

Neben teils unerwarteten Eigenkreationen entwickelt Kelvin Birk auch Schmuckstücke nach Kundenwunsch. Entweder ähnlich zu seinen bestehenden Kreationen, welche die Kunden auf seinem Instagram-Account gesehen haben, oder Kunden bringen zum Beispiel einen geerbten zerbrochenen Ehering von der Grossmutter und sagen: «Mach was draus.» Und dann wird der alte Ring zum Beispiel in einen neuen Ring als Einlage eingegossen. Wie seinerzeit Beton ins Metall. Damals in Kelvin Birks wilden 80ern als Schüler in einer Allgäuer Designschule.

Die Ergebnisse des kreativen und handwerklichen Prozesses, auf den es Kelvin Birk ankommt, sind für den Schmuckdesigner selbst oft unvorhersehbar und überraschend. «Das Weiterarbeiten mit Bestehendem, das Forschen und Weiterentwickeln von Material ausserhalb des herkömmlich Gedachten ist mein Impuls, mein Streben», erklärt er mit ruhiger Überzeugung.

Aufgeschlossene, neugierige Kunden

 Natürlich braucht Schmuckdesigner Kelvin Birk auch entsprechend aufgeschlossene Kunden, die das Ungewöhnliche und Einzigartige suchen. In diversen auf Schmuck und Accessoires spezialisierten Galerien in der Grossstadt London findet er solche Kunden, die seine einzigartigen Schmuckobjekte erwerben. 

Aber vom Schmuckverkauf allein könnte er auch nach 30 Jahren nicht leben, erklärt er ganz offen. Weshalb er in London eine eigene private Schmuckdesign-Schule gegründet hat, in welcher er als Co-Direktor unterrichtet.

London: Das war vor drei Jahrzehnten das Wunschziel für den jungen Schmuckdesigner Kelvin Birk. Gebürtig aus dem deutschen Allgäu absolvierte Kelvin eine dort ansässige Schmuckschule, wollte anschliessend weiter studieren, konnte sich aber für keinen Kunstschule-Standort in Deutschland entscheiden. Es zog den jungen Wilden, der schon während seiner ersten Ausbildungszeit zum Gold- und Silberschmied im Allgäu mit Fremdmaterialien wie Filz, Blech, Fahrradschläuchen, Zahnbürsten und sogar Beton für Fingerringe experimentiert hatte, in die weitere Ferne und die grössere Umgebung. So kam er Mitte der 1990er Jahre nach London und studierte an der Guildhall University theoretisches und praktisches Design als Gold- und Silberschmied.

Liz Taylors grosse Klunker

 «Wer bestimmt denn den Wert von Schmuck und Accessoires?», fragt Kelvin Birk. «Sind die grossen Klunker, die Liz Taylor so gerne um den Hals trug, deshalb so wertvoll, weil es so grosse Smaragde waren? Oder weil Liz Taylor sie trug? Hat nicht die Kreativität, die ein Schmuckdesigner in seine Werkstücke steckt, einen ganz eigenen, eventuell viel grösseren, aber halt einen immateriellen Wert?»

Das ist der Grund, warum sich Kelvin Birk nicht scheut, auch teuer geschliffene Smaragde vorsätzlich zu zertrümmern, um aus den Bruchstücken und geschmolzenem Edelmetall neue Kreationen zu erstellen.

Scheu abbauen, kreative Neugier öffnen 

Genau solche Scheu vor dem Fremd-Geschaffenen abzubauen, war die erste Übung, die Workshopleiter Kelvin Birk Anfang dieser Woche im rund 20-köpfig besetzten Vorkurs-Workshop an der Kunstschule auf den Tagesplan setzte. Die jungen Studierenden sollten zunächst einfach nur Zeichnungen erstellen und anschliessend an ihre Banknachbarn weiterreichen, auf dass diese mit den Zeichnungen völlig frei machen konnten, was sie wollten: Drüber-Zeichnen, Zeichnungen zerknüllen und wegwerfen oder sogar Zeichnungen verbrennen. «Es ging mir darum, die Schwellenangst vor dem fremden, in kreativer Arbeit Geschaffenen zu überwinden. Es ging mir dabei nicht um Respektlosigkeit, sondern vielmehr um das Erforschen eigener Impulse und das ungenierte Erforschen, was Materialien und auch schon bearbeitete Materialien können. Eine fremde Zeichnung kann immateriell als Impuls zum Weiterzeichnen dienen, kann aber genauso reines Material sein, das man auch zerknüllen oder zu Asche verbrennen kann.»

Schuhe aus Ausschussmaterial 

Im nächsten Schritt ging es beim dieswöchigen Workshop darum, aus Ausschussmaterial eines heimischen Industriebetriebs und aus Plastik-Stoff-Blumen von einer hiesigen Gärtnerei ein kreatives, körpernahes Modeaccessoire zu schaffen. In der Themendiskussion fiel die Wahl auf das schmückende Objekt «Schuh».

Als wir den Workshop in zwei Räumen der Kunstschule besuchen, sind die Vorkursstudierenden in konzentrierter Arbeit dabei, Schuhe aus Keramikstücken, mit Nägeln, Drähten, Schnüren oder kleinen, ausgestanzten Ausschussscheiben zu formen. Es sind Schuhe als Designobjekte, nicht zum Anziehen und Gehen. Das wäre wohl eine nächste Stufe: «Form meets Function. Form follows Function.»

Ob das im einwöchigen Vorkurs-Workshop noch auf dem Lehrplan steht, haben wir vergessen zu fragen. Aber eine Frage, die wir nicht gestellt haben, will uns Workshopleiter Kelvin Birk noch am Schluss beantworten – dass er mit seinen Materialstudien längst schon eine Stufe weiter ist: Aktuell sammelt er tote Bienen und Hummeln von seinem Londoner Fenstersims und arbeitet sie als ausgetrocknete Fossilien in Schmuckstücke ein. Ebenso wie er auch rinnende Bienenwaben bearbeitet. 

Dem innovativen Material- und Designforscher Kelvin Birk gehen die Ideen wohl nie aus.

Kelvin Birk mit Workshop-Teilnehmerin. Bild: Johannes Mattivi

 

Kelvin Birk heute Abend im Kunstmuseum 

Vortrag «Das hat Wert!»

Schmuckdesigner Kelvin Birk hält heute Donnerstagabend, um 18 Uhr, im Seitenlichtsaal des Kunstmuseums in Vaduz einen Vortrag zum Thema „Das hat Wert“. Dabei fragt sich der Künstler und Kunsthandwerker aus London: Was ist Wert? Was ist uns am wertvollsten? Und was ist der Gesellschaft und der Welt am wertvollsten?

Der Begriff Wert wird im Spannungsfeld zwischen individuellen und gesellschaftlichen Interpretationen beleuchtet. Darüber hinaus beschäftigt sich der Vortrag mit verschiedenen Auslegungen des Wertbegriffs, individualisiert ihn für sich selbst als Künstler und Goldschmied und spürt auch den mannigfaltigen Emotionen nach, die dieser Begriff in uns Menschen auslöst.

Kelvin Birk ist Gold- und Silberschmied und kommt ursprünglich aus Deutschland (Allgäu). Er lebt und arbeitet seit 30 Jahren in London. Seit 2017 ist er auch Co-Direktor seiner eigenen Schmuckschule, der K2 Academy of Contemporary Jewellery.

Der Vortrag, veranstaltet von der Kunstschule Liechtenstein, findet im Seitenlichtsaal statt. Der Eintritt ist frei.

 

Workshop-Impressionen 

Bilder: Johannes Mattivi

Kelvin Birk gibt als Workshop-Leiter wertvolle Tipps. 

Bild: Johannes Mattivi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert