«Unser Auftritt in Strassburg warf im Land hohe Wellen»

Nachdem in Liechtenstein zwei Abstimmungen ĂŒber die EinfĂŒhrung des Frauenstimmrechts in den Jahren 1971 und 1973 scheiterten, haben im April 1981 eine Gruppe Aktivistinnen, darunter Helen Marxer, die «Aktion Dornröschen» gegrĂŒndet. Den mutigen Mitgliedern dieser Gruppierung verdankt Liechtenstein, dass Frauen seit 1984 in der Politik mitbestimmen dĂŒrfen.

23. September 2023 | Rita Feger
Gesellschaft

Frau Marxer, was feiern Sie dieses Jahr?

Helen Marxer: Wir feiern dieses Jahr am 27. September das 40-jÀhrige JubilÀum der Reise nach Strassburg zur Parlamentarischen Versammlung des Europarats. Wir wollen ein Ereignis feiern, an dem Frauen aktiv zur Realisierung des Frauenstimmrechts beigetragen haben.

Als letztes Land Europas fĂŒhrte Liechtenstein im Jahr 1984 das Frauenstimmrecht ein. Wie war es als Sie das erste Mal wĂ€hlen durften und was bedeutet Ihnen das?

Helen Marxer: Das bedeutet mir viel, ich war schon damals an Politik interessiert und freute mich sehr, dass ich 1984 mitbestimmen und wÀhlen konnte.

Ich bin 1946 geboren und in Basel aufgewachsen. Als ich 1966 mĂŒndig wurde, musste ich noch fĂŒnf Jahre warten, bis ich 1971 auf eidgenössischer Ebene abstimmen durfte. Allerdings konnten die Baslerinnen bereits ab 1966 auf kantonaler Ebene abstimmen. Dazu half unter anderem der Lehrerinnen-Streik am MĂ€dchengymnasium.

Nach dem Abstimmungssonntag blieben alle Lehrerinnen geschlossen einen Tag der Schule fern und die SchĂŒlerinnen durften nach Hause gehen. Das hat mich beeindruckt und ich war stolz, dass Basel der erste Deutschschweizer Kanton war, in welchem die MĂ€nner dem Frauenstimmrecht zustimmten.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass der Staat Frauen als BĂŒrger zweiter Klasse behandelt und wie alt waren Sie?

Helen Marxer: Das habe ich frĂŒh realisiert, nicht nur wegen der fehlenden politischen Rechte, sondern auch wegen eines Ferienjobs. Mit 16 Jahren verdiente ich zwei Franken in der Stunde, wĂ€hrend mein vierzehnjĂ€hriger Bruder fĂŒnfzig Rappen mehr verdiente.

Wie emanzipiert wurden Sie erzogen und wie hat Sie das geprÀgt?

Helen Marxer: Ich wuchs in einer liberalen Familie mit drei weiteren Geschwistern auf. Es war klar, dass wir alle solange in die Schule gehen konnten, wie wir wollten und auch den Beruf wÀhlen durften, den wir wollten. So habe ich nach der obligatorischen Schulzeit eine vierjÀhrige Diplommittelschule besucht und dann das Lehrerseminar mit dem Primarlehrerdiplom abgeschlossen.

Eine ĂŒberzeugende UnterstĂŒtzung der meisten Politiker fehlte

Ich bin mit christlichen Werten, wie NĂ€chstenliebe und Gerechtigkeit aufgewachsen und war aktiv als BlauringfĂŒhrerin bei der Pfarreijugend. Das hat meine soziale Einstellung und mein GefĂŒhl fĂŒr Gerechtigkeit und Fairness geprĂ€gt.

Seit den 1960er Jahren gab es immer wieder Bestrebungen zur EinfĂŒhrung des Frauenstimmrechts, fĂŒhlten Sie sich von der Politik im Stich gelassen?

Helen Marxer: Mein Mann und ich sind 1971, kurz nach der ersten Ablehnung des Frauenstimmrechts nach Liechtenstein ĂŒbersiedelt. Der negative Ausgang hat mich sehr geĂ€rgert. Ich fand es inzwischen nicht mehr in Ordnung, dass die MĂ€nner entscheiden konnten, ob die Frauen mitbestimmen durften.

Jeder Mann, der irgendwann eine Differenz oder einen Streit mit einer Frau hatte, an seiner Vormachtstellung festhalten wollte oder den Frauen den politischen Verstand absprach, konnte mit einem Nein gleich alle Frauen abstrafen. Ich kannte viele MĂ€nner, die genug Selbstbewusstsein besassen, die Frauen als gleichberechtigt anzusehen, aber sie waren in der Minderheit.

1982 legten die Mitglieder der «Aktion Dornröschen» Verfassungsbeschwerde beim Staatsgerichtshof ein und machten ein Jahr spÀter beim Europarat in Strassburg auf ihre politische Benachteiligung aufmerksam. Das klingt nach einer aufregenden Zeit.

Helen Marxer: Wir versuchten zuerst mit AufklĂ€rungsarbeit, Plakaten, und einer BroschĂŒre MĂ€nner und Frauen fĂŒr das Frauenstimmrecht zu sensibilisieren. Wir merkten bald, politische Rechte zu fordern, war bereits frech. Man machte uns klar, dass man um das Frauenstimmrecht zu bitten hatte.

Bald realisierten wir, dass es unmöglich war, eine Mehrheit der MĂ€nner zu einem Ja zu bewegen und dass eine ĂŒberzeugende UnterstĂŒtzung der meisten Politiker fehlte, im Gegenteil, das VerstĂ€ndnis fĂŒr die Gegner war gross, auch jenes einiger Journalisten. Nach jeder unserer Aktionen, hiess es, wir wĂŒrden wieder die MĂ€nner verĂ€rgern und es sei kein Wunder, wenn jetzt BefĂŒrworter zu Gegnern umfunktioniert wĂŒrden.

Wir wurden als Nestbeschmutzerinnen betitelt

SpĂ€ter versuchten wir es mit einer Klage beim Verfassungsgerichtshof, weil Artikel 31 der Verfassung ja besagte: «Alle Landesangehörigen sind vor dem Gesetze gleich.» Als die Klage abgewiesen wurde, und auch der juristische Weg nicht zum Ziel fĂŒhrte, war uns klar, dass wir die Strategie Ă€ndern und Druck auf die Politiker machen mĂŒssen.

Was hatten Sie vor?

Helen Marxer: Wir ĂŒberbrachten einer Delegation der Parlamentarischen Versammlung, die in Vaduz tagte, ein Schreiben mit dem Hinweis auf das fehlende Frauenstimmrecht. Und als wir dann per Zufall erfuhren, dass ein Liechtensteiner Regierungsvertreter schon 1976 bei den AufnahmegesprĂ€chen in den Europarat versprochen hatte, die Regierung wĂŒrde alles in ihrer Macht Stehende tun, um dem Frauenstimm- und Wahlrecht zum Durchbruch zu verhelfen, planten wir 1983 als nĂ€chste Aktion nach Strassburg zu reisen, um die Abgeordneten der Parlamentarischen Versammlung des Europarats an das Versprechen Liechtensteins zu erinnern und um UnterstĂŒtzung zu bitten.

Haben Sie mit einem Erfolg gerechnet?

Helen Marxer: Vor dem Besuch gönnten wir uns einen Kir Royal und ein mehrgÀngiges Menu im «Maison Kammerzell», dem damals besten Restaurant Strassburgs. Wir haben uns gesagt, falls der Besuch in die Hosen geht, haben wir wenigstens fein gegessen.

Wir wurden freundlich empfangen, der Luxemburger Abgeordnete, Dr. Robert Prussen meinte, er habe gar nicht gewusst, dass in Europa noch ein Staat ohne Frauenstimmrecht existiert. Der Vertreter Deutschlands, Dr. Claus JĂ€ger empfahl uns eine Klage beim EuropĂ€ischen Menschenrechtsgerichtshof in BrĂŒssel einzureichen, und die beiden Schweizer Abgeordneten, Dr. Ulrich Gadient und Gertrude Girard-Montet versprachen uns UnterstĂŒtzung.

Mit Madame Girard-Montet fand darauf ein reger Briefwechsel statt, und nach der positiven Abstimmung 1984 besuchte sie uns in Liechtenstein. Sie wolle erst nach der EinfĂŒhrung des Frauenstimmrechts nach Liechtenstein kommen, vorher betrete sie das Land nicht.

Endlich am Ziel angekommen. Wie waren die Reaktionen?

Helen Marxer: Unser Auftritt in Strassburg warf im Land hohe Wellen, wir wurden als Nestbeschmutzerinnen betitelt und man beschied uns, mit dieser Aktion hÀtten wir es nun mit dem Frauenstimmrecht definitiv «verchachelt». Jedoch kaum zehn Monate nach der Strassburgreise war das Ziel erreicht.

In der dritten Abstimmung wurde das Frauenstimmrecht, wenn auch nur knapp mit 51,3 Prozent Ja zu 48,7 Prozent Nein-Stimmen angenommen. Bemerkenswert auch, der Unterschied zwischen Ober- und Unterland. Bei 116 Ja-Stimmen-Überhang im Oberland gab es und nur drei Ja-Stimmen-Überhang im Unterland.

Ging mit der EinfĂŒhrung des Frauenstimmrechts auch ein gesellschaftlicher Wandel einher?

Helen Marxer: Bestimmt hat sich das Frauenbild in der Gesellschaft verĂ€ndert, die Traditionen sind jetzt weniger stark. Das kam aber nicht von ungefĂ€hr. Diese VerĂ€nderungen sind vielen Frauen, die sich fĂŒr Gleichberechtigung einsetzten, sich bei Wahlen zur VerfĂŒgung stellten, in alle Berufe drĂ€ngten sowie den Feministinnen mit vielen Vorstössen und ihrer Öffentlichkeitsarbeit zu verdanken. 

Die Historikerin und Pionierin der Frauengeschichtsforschung Gerda Lerner schreibt in ihrem epochalen Werk «Die Entstehung des feministischen Bewusstseins, Vom Mittelalter bis zur Ersten Frauenbewegung»: «Nur bei Druck und Aufbegehren der Frauen gab es Erfolge und Fortschritte in den Frauenrechten. [..] Die Fortschritte hingen stets vom Bestehen und der StÀrke der Frauenbewegung ab.» (Lerner S. 323)

Tragen Frauen eine Mitschuld, dass es so lange gedauert hat?

Helen Marxer: In jener Zeit herrschte ein Frauenbild, das klare Rollen vorgab. Frauen waren fĂŒr die Familie, Kindererziehung und Hausarbeit zustĂ€ndig, eine Frau hatte zufrieden zu sein und den Ehemann zu unterstĂŒtzen. Es hiess, der Mann vertrete ja die Frau, deshalb brauche sie sich nicht um die Politik zu kĂŒmmern. Die ledigen Frauen, die niemand vertrat, wurden kaum erwĂ€hnt.

Die faktische Gleichstellung fehlt noch vielerorts

Wenn nun die Gesellschaft und die katholische Kirche den Frauen Zufriedenheit und Demut verordneten und fordernde Frauen als unanstÀndig und als «nicht richtige» Frauen galten, war es schwierig, diese Dogmen zu durchbrechen. Es brauchte schon eine «gehörige» Portion Selbstbewusstsein, sich mit der Forderung nach dem Frauenstimmrecht unbeliebt zu machen. Aber ich finde, es wÀre gut gewesen, wenn mehr Frauen mutig genug gewesen wÀren, das Frauenstimmrecht zu verlangen.

Dabei darf man nicht vergessen, dass die Rollenvorgaben fĂŒr MĂ€nner ebenfalls sehr starr waren.

Sind Frauen heute gleichberechtigt?

Helen Marxer: Rechtlich sind die Frauen gleichgestellt. Der erkÀmpfte Gleicheitsgrundsatz in der Verfassung greift, ungleiche Gesetzesbestimmungen können angefochten werden. Die faktische Gleichstellung fehlt jedoch noch vielerorts, zum Beispiel ist die unbezahlte Care-Arbeit von Frauen sehr verbreitet.

Viele Frauen können wegen fehlender Erwerbsarbeit oft nur eine minimale AHV-Rente generieren und gehören als Teilzeit Arbeitende oder als Hausfrauen auch keiner Pensionsversicherung an. Auch ist es auch schwierig gegen Lohnungleichheit vorzugehen. Zudem sind fast alle wichtigen Positionen und Ämter von MĂ€nnern besetzt, womit die Definitionsmacht der MĂ€nner deutlich stĂ€rker ist als jene der Frauen.

Vor der Taxifahrt zum Gebäude «palais de l’europe», dem Hauptgebäude des Europarates in Strassburg am 27. September 1983: Christel Hilti-Kaufmann, Josy Clare-Vogt, Melitta Marxer-Kaiser, Irene Nigg, Helen Marxer, Susanna Reuteler-Kranz, Walli Ott-Weiss, Silvy Frick-Tanner, Regina Marxer, Barbara Rheinberger, Patricia Büchel (v. l.).

Bild: Evelyne Bermann

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Helen Marxer kĂ€mpfte fĂŒr das Frauenstimmrecht in Liechtenstein.

Bild: Helen Marxer