Steine √ľber die das Herz stolpert

Vergangenen Freitag wurde anl√§sslich des 78. Holocaust-Gedenktags im Rathaus Vaduz den Opfern des Nationalsozialismus gedacht. Im Zentrum der Veranstaltung stand das Stolperstein Projekt von K√ľnstler Gunter Demnig.

29. Januar 2023 | Rita Feger
Gesellschaft

Im Rahmen des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des¬†Holocausts fand am vergangenen Freitag, ein Gedenkanlass im Rathaus Vaduz statt. Die¬†Gedenkfeierlichkeiten widmeten sich dem Stolperstein Projekt des K√∂lner¬†K√ľnstlers Gunter Demnig.¬†

78. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz

Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, in dem mehr als eine Million Menschen ermordet wurden. Der Tag der Befreiung jährt sich zum 78. Mal. Seit 2002 wird dieser Tag von den Mitgliedsstaaten des Europarats zum Anlass genommen, den Opfern des Holocausts zu gedenken.

Auch in Liechtenstein wird seit vielen Jahren ein Anlass des¬†Gendenken durchgef√ľhrt. Der diesj√§hrige Holocaust-Gedenktag beleuchtete die¬†wichtige Arbeit der „Stiftung – SPUREN – Gunter Demnig“, das Engagement der¬†liechtensteinischen Stolperstein-Initiativgruppe und die einheimische Geschichte¬†in der Zeit des Nationalsozialismus.

Individuelle Geschichten erzählen

Aussen- und Bildungsministerin Dominique Hasler unterstrich in ihrer¬†Er√∂ffnungsrede die Bedeutung des Stolperstein-Projekts: „Den verlegten¬†Stolpersteinen begegnen wir im t√§glichen Leben, mitten in unserem Alltag und¬†meist unerwartet. Wir begegnen den Stolpersteinen an Orten, wo heute Menschen¬†leben und fr√ľher Opfer gelebt haben. Durch diese Initiative der Stolpersteine¬†werden Namen benannt und individuelle Geschichten erz√§hlt“.

Weiter betonte Regierungsr√§tin Hasler, wie wichtig es sei, die gemeinsame¬†Geschichte aufzuarbeiten, um aus diesen schrecklichen Ereignissen lernen zu¬†k√∂nnen. Dies gerade in einer Zeit, in welcher wir miterleben w√ľrden, wie die Demokratie¬†und der Rechtsstaat zunehmend in Gefahr geraten.

Verengter Blick auf die Vergangenheit 

Klemens Jansen, Präsident der Liechtensteiner Freunde von Yad Vashem, machte in seiner Ansprache auf die nationalsozialistische Bewegung während des Zweiten Weltkriegs in Liechtenstein aufmerksam. Dabei kritisierte er, dass der Blick auf die Vergangenheit zu sehr auf die Erfolgsgeschichte Liechtensteins verengt gewesen sei.

Ereignisse, die an Schuld erinnern kämen im öffentlichen Diskurs zu kurz. So betonte Jansen, dass es zur Identität unserer Gesellschaft gehöre, dass wir uns auch an die negativen Ereignisse erinnern. Das Leiden der Opfer des nationalsozialistischen Terrors soll nicht vergebens gewesen sein. Daraus ergebe sich der Einsatz des Vereins gegen das Leugnen, Relativieren und Vergessen des Geschehenen. 

Anschliessend fand eine Podiumsdiskussion mit Katja Demnig von der¬†„Stiftung – SPUREN – Gunter Demnig“, Fabian Frommelt, Mitglied der liechtensteinischen Stolperstein-Initiativgruppe sowie Historiker Peter Geiger statt.

Alfred und Gertrud Rotter-Schaie

Inzwischen gibt es schon 95000 Stolpersteine des K√ľnstlers Gunter Demnig in 30 L√§nder der Welt. K√ľrzlich wurden die ersten zwei Stolpersteine in Vaduz¬†verlegt. Diese erinnern an die tragische Geschichte von Alfred und Gertrud¬†Rotter-Schaie.¬†

Im Januar 1933, kurz vor Hitlers Machtergreifung, zogen die Br√ľder Rotter, Fritz und Alfred, zwei erfolgreiche deutsche Theaterdirektoren, zusammen mit Alfreds Ehefrau Gertrud nach Liechtenstein. Am f√ľnften April 1933 wurde das Ehepaar Rotter, Fritz Rotter und dessen Begleiterin Julie Wolff ins Alpenkurhaus ¬ęGaflei¬Ľ gelockt.

Eine Gruppe Nationalsozialisten, f√ľnf Deutsche und vier Liechtensteiner, planten ein Attentat auf die Br√ľder, Gertrud Rotter und Julie Wolff. Das Attentat misslang und das Ehepaar Rotter fl√ľchtete zu Fuss wobei es in einem nahen Tobel zu Tode st√ľrzte. Fritz Rotter und Julie Wolff gelang die Flucht.

Die Rotter-Entf√ľhrung wurde unter dem Namen ¬ęRotteraff√§re¬Ľ bekannt. Aufgrund einer Verharmlosung des Begriffs ‚ÄúAff√§re‚ÄĚ empfiehlt Historiker Peter Geiger, der ebenfalls dem Gedenkanlass beiwohnte, die Verwendung von Begriffen wie ‚ÄúRotter-√úberfall‚ÄĚ oder ‚ÄúRotter-Entf√ľhrungsversuch‚ÄĚ.¬†

Steine sollen erinnern, nicht anklagen

Die beiden Stolpersteine des Ehepaars Rotter Schaie tragen jeweils die Inschrift ‚Äúvon Liechtensteinischen Nationalsozialisten in den Tod getrieben.‚ÄĚ Anders als man vermuten k√∂nnte, haben die Stolpersteine laut Katja Demnig, jedoch nicht den Zweck der Anklage. Schliesslich wisse sie als Deutsche wie es sei, wenn man gesagt bekommt, man geh√∂re dem T√§tervolk an.¬†Die Stolpersteine sollten vielmehr ein kleines St√ľck Zeitgeschichte in zehn Zeilen erz√§hlen.¬†

Fabian Frommelt f√ľgte hinzu, dass die Stolpersteine Anerkennung f√ľr das erfahrene Leid der Opfer des Holocaust symbolisieren. Sie tr√ľgen dazu bei, dass Holocaust-Betroffene besser mit ihrem Schicksal leben k√∂nnen. So habe sich der in den Vereinigten Staaten lebende Neffe von Alfred Rotter und einziger √úberlebender der Rotter-Familie, sehr √ľber die Nachricht der Stolpersteine in Vaduz gefreut. (ots/rif)


Klemens Jansen, Präsident der Liechtensteiner Freunde von Yad Vashem, hält eine der beiden Eröffnungsansprachen. 

Bild: Mario Marogg

 

https://historisches-lexikon.li/Rotter-Entf%C3%BChrung

Katja Demnig von der¬†„Stiftung – SPUREN – Gunter Demnig“ erkl√§rt das Stolperstein Projekt.

Bild: Mario Marogg