Neue Kampagne gegen Cybermobbing lanciert

Mit der Kampagne “Worte verletzen. Auch online”, will die Gewaltschutzkommission (GSK) Jugendliche für das Thema Cybermobbing sensibilisieren. “Opfer können sich wehren und Anzeige erstatten. Das soll durch die Kampagne bekannt werden”, so GSK-Leiter, Jules S. Hoch an der Presseveranstaltung am Freitag.

20. September 2023 | Rita Feger
Gesellschaft

Immer mehr Meldungen des Schulamtes und des Amtes für Soziale Dienste würden darauf hinweisen, so Jules S. Hoch, Chef der Landespolizei, dass Cybermobbing zunehmend ein Problem wird. “Aus diesem Grund haben wir uns entschieden eine Kampagne zu lancieren.”

Cybermobbing sei kein Bagatelldelikt, betont Hoch. „Das verletzt, das kränkt und ist in Liechtenstein strafbar.” Gemäss Artikel 107c des Strafgesetzbuches kann bei fortgesetzter Belästigung im Wege elektronischer Kommunikation oder eines Computersystems eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr, in einem besonders schweren Fall sogar mit bis zu drei Jahren, verhängt werden. 

Cybermobbing ist nicht gleich Mobbing 

Unter Cybermobbing wird das Beleidigen, Bedrohen, Blossstellen oder Belästigen von Personen mithilfe von Kommunikationsmedien verstanden. Das Mobbing kann beispielsweise in Chats, Foren und per E-Mail passieren, aber auch in Sozialen Medien wie Facebook und Instagram und auf Videoplattformen wie Youtube. 

“Was unterscheidet Cybermobbing von Mobbing?“ will Schulsozialarbeiter Hansjörg Frick von Larissa Häfeli, eine junge Frau, die an der Entstehung der Kampagne mitwirkte, wissen. Häfeli antwortet, dass sich die Täter in der Anonymität des Internets geschĂĽtzt fĂĽhlten. Es gibt aber noch weitere Unterschiede:

Beleidigungen und Diffamierungen im Internet sind einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Während sich Mobbing in der Schule auf Opfer, Täter und das nähere Umfeld beschränkt, werden Beleidigungen im Internet von Fremden gesehen. Zudem sind sie jederzeit abrufbar. Die gleiche Verletzung passiert also nicht einmal, nein, sie ist nach Belieben wiederholbar. Selbst wenn es gelingen sollte, den Inhalt zu löschen, muss damit gerechnet werden, dass andere die Inhalte gespeichert haben und wieder ins Netz stellen. 

Der Fall Amanda Todd

Ein tragischer Fall eines Mädchens in Kanada aus dem Jahr 2012, zeigt, welches Ausmass Cybermobbing annehmen kann. 

In Form von Zettelbotschaften erzählt Amanda Todd in einem You-Tube-Video ihre wie sie selbst sagt ihre “nie endende” Geschichte: “in der siebten Klasse traf ich Freunde über die Webcam um neue Leute zu treffen…” beginnt sie und fährt fort, dass ihr ein Fremder Komplimente gemacht habe und sie so dazu brachte, sich von ihm fotografieren zu lassen. 

Ein Jahr später meldete sich ein Mann bei ihr ĂĽber Facebook und drohte, ein Bild von ihr oben ohne zu verschicken, wenn sie nicht “eine Show abziehe“. Der Unbekannte wusste alles ĂĽber sie: ihre Adresse, Schule, Freunde, Verwandte und die Namen ihrer Familienmitglieder. Schon bald wurde ihr Nacktfoto „an alle“ weitergeleitet.

Mit der Zeit entwickelte Amanda Depressionen und Angststörungen, bis hin zur Selbstverletzung. Sie betäubte sich mit Drogen und Alkohol. Um neu anzufangen, wechselte sie die Schule. Der Mann liess aber nicht von ihr ab und erstellte ein Facebook-Profil mit ihrem Foto als Profilbild. Ihre neuen Mitschüler bekamen das mit und der Albtraum ging weiter. Auch ein weiterer Schulwechsel brachte nicht den erwünschten Neuanfang. 

Jeden Tag frage sie sich, warum sie noch hier sei, steht auf einem der Zettel. Nur einen Monat nach der Veröffentlichung des Beitrags auf YouTube war sie es nicht mehr. Amanda nahm sich im September 2012 das Leben. 

 “B*tch!”, “Snitch!” und „Loser!“

Auf die Tragweite von Cybermobbing sollen auch die drei Plakate der Kampagne von Grafikerin Sarah BĂĽchel aufmerksam machen. Sie zeigen eine kleine zusammengekauerten Person vor dem Laptop. Die Schimpfworte “B*tch!”, “Snitch!” und „Loser!“ hängen wie ĂĽbergrosse dunkle Wolken in Form von Nachrichtenblasen ĂĽber dem Opfer.

Bei genauem Betrachten erkennt man Zeitangaben und Akkuladungen, die als versteckte Details abgebildet werden und auf jedem Plakat unterschiedlich dargestellt sind. Sie sagen aus, dass sich Mobbingattacken an keinen Zeitplan richten und dem Opfer nicht nur Energie, sondern auch, wie im Falle von Amanda Todd, den Lebenswillen rauben können. 

Seit Freitag hängen die Plakate in den Schulen und Jugendtreffs des Landes und bleiben dort bis zum 24. November. Gerade in der Aufklärunsgarbeit an Schulen sieht GSK-Mitglied Stefanie Portmann eine “riesen Chance” Cybermobbing frühzeitig vorzugreifen.

Jules S. Hoch, Stefanie Portmann und Sarah Frick (v.l.)

Hansjörg Frick, Larissa Häfeli und Anastasia Sieg (v.l.)

Plakate von Sarah Büchel. Bilder: Rita Feger

Amanda Todds letzte Botschaft.

Adressen für Opfer von Cybermobbing und Angehörige

 

Beratung fĂĽr Kinder und Jugendliche: www.147.li

Kinder- und Jugenddienst des Amtes fĂĽr Soziale Dienste (ASD): www.llv.li/de/landesverwaltung/amt-fuer-soziale-dienste/kinder-und-jugndliche/beratung-und-hilfe

Offene Jugendarbeit (OJA): www.oja.li

Ombudsstelle fĂĽr Kinder und Jugendliche (OSKJ): www.oskj.li

Opferhilfestelle: www.ohs.llv.li

Schulsozialarbeit (SSA): www.schulsozialarbeit.li

Landespolizei: www.landespolizei.li 

Stefanie Portmann (Schulamt, Mitglied GSK), Sarah Frick (Amt für Soziale Dienste, Mitglied GSK), Anastasia Sieg (Kampagnen-Mitarbeiterin), Jules S. Hoch (Polizeichef und Vorsitzender der GSK), Larissa Häfeli (Kampagnen-Mitarbeiterin), Sarah Büchel (Grafikbüro Neuland) und Hansjörg Frick (Schulsozialarbeit) (v.l.).

Bild: Rita Feger