Liechtenstein sechs Minuten im absoluten Tiefschlaf

Bratislava - Auch das sechste EM-Qualifikationsspiel ging fĂĽr Liechtenstein (Fifa-Ranking 200) verloren. Gegen die Slowakei, 53 im Fifa-Ranking, setzte es eine 3:0 (3:0)-Niederlage ab.

12. September 2023 | Ernst Hasler
Gesellschaft

Schon nach sechs Minuten hatten die Slowaken 3:0 geführt: Hancko (1.), Duda (3.) und Mak (6.) sorgten für klare Verhältnisse. Zu jenem Zeitpunkte musste man mit dem Schlimmsten rechnen, doch Liechtenstein fand in der Folge die defensive Ordnung und die Slowaken hatten wohl ihren Torhunger früh gestillt.

Als das Liechtensteiner Nationalteam tiefer stand, konnten die Slowaken zudem ihre Chips hinter die Abwehr nicht mehr spielen. Dennoch fehlte in dieser Partie einiges, um auch offensive Akzente zu setzen. Sandro Wieser konnte zumindest für ruhige Impulse sorgen und die Bälle im Mittelfeld halten oder den einen oder anderen Freistoss herausholen. Letztlich bestand ein Klassenunterschied und nach den schwachen sechs Startminuten musste Liechtenstein froh sein, dass es keinen weiteren Verlusttreffer hinnehmen musste.

Schlimmer geht’s nimmer

In der Startphase war Liechtenstein überhaupt nicht parat. Traber verlor ein Kopfballduell, Hancko überhob in der Folge Torhüter Büchel nach nur neun Sekunden (1:0). Und nach dem ersten slowakischen Eckball verteidigten die Liechtensteiner konfus: Büchel klärte ungenügend, Duda behielt die Übersicht, dribbelte sich frei und traf aus 10 m zwischen Mann und Maus ins Tor (2:0). Und als Beck Bozenik nicht resolut genug an der Behindlinie attackierte, landete der Ball im Zentrum, wo Malin im dümmsten Moment ausrutschte, Mak den Ball annahm und entschlossen einschoss (3:0).

Das Muster war immer das gleiche: Die Slowaken spielten sich in der eigenen Abwehr den Ball hin und her und chippten ihn in der Folge in die Tiefe, sprich hinter die hochstehende Liechtensteiner Abwehr. Nachdem Büchel dann erstmals gegen Haraslin erfolgreich klären konnte (8.), verloren die Slowaken in der Folge ihren Schwung. Ein wuchtiger Gyömber-Kopfball zischte neben das Tor (23.) und schliesslich klärte Traber in extremis nach einem Haraslin-Querpass (48.+).

Liechtenstein zeigte offensiv praktisch nichts. Es fehlte in den 1:1-Situationen der Mut oder besser gesagt wohl die Qualität, um die robusten Slowaken in Bedrängnis zu bringen. Die beste Aktion bot sich Saglam, der sich nicht ins Dribbling gegen Captain Skriniar wagte, stattdessen den Querpass hinter die Abwehr spielte, wo Salanovic Gyömber ein Tick zu spät kam (38.). Auch im Mittelfeld fehlte der Zugriff, weil selbst Wieser die Bälle nicht im gewohnten Stile verwalten konnte. Das einzige Positive war der Umstand, dass nach dem desolaten Start nach 6 Minuten mit Fortdauer die defensive Ordnung besser klappte. Einzig in den Luftduellen tat sich die Liechtensteiner Abwehr sehr schwer.

Wenig Entlastung und kein weiterer Verlusttreffer

In der zweiten Halbzeit blieb die Slowakei am Drücker. Doch Torchancen erarbeitete sich der Favorit vorerst keine, da Liechtensteins Abwehr tiefer stand. Es war ein Sele-Volley aus 21 m, der knapp über die Querlatte zischte (53.). Und nach dem zweiten Eckball der Gäste brachte Traber den Ablenker nicht unter Kontrolle (68.). Und als Meier an einem Flankenball vorbei segelte, zeigte der Assistent ein Abseits an (74.).

Die Slowaken waren zwar bemüht ihrem Publikum noch mehr Tore zu bescheren, doch Liechtenstein hatte trotz des desolaten Startes doch noch defensiv die Ordnung gefunden. Offensiv kam indes gegen diese robusten Slowaken sehr wenig. Die letzte Torchance besass Haraslin, doch Büchel krallte den Schrägschuss (94.).

Wieser mit sichtbarer Steigerung

Sandro Wieser steckte wie das gesamte Team in den ersten sechs Minuten im Tiefschlaf. Doch Wieser fand je länger die Partie dauerte, immer besser ins Spiel, hielt die Bälle geschickt, sorgte für Ruhe und holte mehrere Freistösse heraus (Note: 4,0). Torhüter Büchel konnte den Schaden auch nicht verhindern; beim ersten Gegentor kam er ein Tick zu spät und beim zweiten Tor konnte er den Eckball nicht bändigen, steigerte sich in der Folge enorm und pflückte in der Folge ein halbes Dutzend Flanken (3,0). Geprüft wurde er nicht mehr sonderlich. Rechtsverteidiger

Niklas Beck steigerte sich defensiv gegenüber dem Bosnien-Spiel, allerdings drosch er zu viele Bälle einfach ins Aus, statt den Spielaufbau zu suchen (3,0). Innenverteidiger Lars Traber sah vor dem 1:0 nicht gut aus (Luftduell verloren), hielt die Defensive zusammen, bereinigte oftmals für seine Nebenleute auf den Aussenbahnen (3,5). Der linke Innenverteidiger Andreas Malin wirkte etwas matt und nicht so frisch wie noch gegen Bosnien. Er patzte mehrmals im Spielaufbau, weil die Slowaken energisch hoch störten (3,0).

Auf der rechten Aussenbahn konnte Sandro Wolfinger auch nicht für Entlastung sorgen, dennoch stieg er oft energisch in die Duelle (2,5). Auf der linken Aussenbahn zeigte Göppel vor allem defensiv eine ordentliche Leistung, köpfelte viele Bälle aus der Gefahrenzone (3,5).

Im zentralen Mittelfeld rechts hatte Simon Lüchinger Probleme mit der robusten Gangart der Slowaken. Oft gerieten seine Zuspiele unpräzise, auch er wirkte etwas müde (2,5). Auf der halblinken Position war Aron Sele ein Tick stärker. Er schonte sich wie gewohnt nicht und hielt mit viel Härte dagegen (3,0). Im Sturm lief relativ wenig zusammen. Dennis Salanovic konnte seine Rushes nicht anbringen, wirkte etwas ausgelaugt, was mit seiner fehlenden Spielpraxis (auf Vereinssuche) zu tun haben dürfte (2,5). Ein Tick stärker trat Ferhat Saglam in Erscheinung. Er setzte gut nach, wirkte jedoch auch matt und musste nach rund 25 Minuten ins rechte Mittelfeld wechseln, das war einer Systemumstellung geschuldet (3,0).

Die Einwechselspieler fanden sich gut zurecht. Vor allem Livio Meier spulte in der kurzen Zeit ein enormes Laufpensum herunter (3,5). Andrin Netzer hing als Stürmer komplett in der Luft und konnte auf der ungewohnten Position die Bälle nicht halten (2,5). Severin Schlegel fand sofort seine Position, arbeitete gut nach hinten (3,0). Martin Marxer und Colin Haas sind in der 90. Minuten eingewechselt worden, deshalb fehlt eine Benotung.

Telegramm: Slowakei – Liechtenstein 3:0 (3:0)

Narodny futbalovy stadion,  Bratislava (Svk). 13’679 Zuschauer. Schiedsrichter Sander Van der Eijk (Ned), assistiert von Rogier Honig und Joost van Zuilen (Ned).

Slowakei: Dubravka; Tomic (ab 69. Pekarik), Gyömber, Skriniar, Hancko (ab 86. De Marco); Bénes, Lobotka (ab 76. Hrosovsky); Mak (ab 69. Tupta), Duda (ab 76. Bero), Haraslin; Bozenik.

Liechtenstein: Benjamin Büchel; Niklas Beck, Traber, Malin (ab 90. Martin Marxer); Sandro Wolfinger (ab 63. Livio Meier), Wieser, Göppel; Lüchinger (ab 90. Colin Haas), Sele; Saglam (ab 72. Schlegel), Salanovic (ab 63. Netzer).

Tore: 1:0 1. David Hancko; 2:0 3. Ondrej Duda; 3:0 6. Robert Mak.

Bemerkungen: Slowakei komplett. Liechtenstein ohne Nicolas Hasler, Frommelt, Philipp Gassner, Marco Wolfinger (verletzt), Hofer (Studium USA), Marcel Büchel (Verzicht) und Noah Frick (U23-Nati). 100. Länderspiel für Juraj Kucka. Gedenkminute für die Erdbeben-Opfer in Marokko. Länderspiel-Debüt für Severin Schlegel. Verwarnungen für Wieser (28. – Foul), Tomic (47.+ – Foul), Hrosovsky (78. – Foul) und De Marco (87. – Halten).  Eckenverhältnis: 7:2 (3:1).

Die Captains der Slowakei Milan Skriniar (li.) und Liechtensteins Benjamin BĂĽchel beim Wimpeltausch.

Blick ins Stadion Narodny futbalovy mit den 20 Liechtensteiner Fans.

Bilder: zvg

Die Liechtensteiner Nationalmannschaft beim Abspielen der Hymne.

Bild: zvg