Kein Jahresrückblick, aber ein Blick zurück 

Sie erinnern an Krieg, Ungerechtigkeit und daran, dass man in einer Zeitspanne so kurz wie ein Augenzwinkern schon wieder ein Jahr gealtert ist: JahresrĂĽckblicke. liwelt blickt dennoch zurĂĽck ohne den Lesern einen JahresrĂĽckblick von liwelt-Inhalten zuzumuten.

31. Dezember 2023 | Rita Feger
Kolumnen

In den Medien jagt gerade ein Jahresrückblick den Anderen. Fehltritte und Peinlichkeiten werden medial ausgeschlachtet und Bilder, die man lieber für immer vergessen möchte, werden noch einmal einem breiten Publikum präsentiert. 

Mit Jahresrückblicken ist es wahrscheinlich wie mit Fasnacht oder Fussball, entweder man ist ein Fan oder kann so gar nichts damit anfangen. Persönlich gehe ich Jahresrückblicken lieber aus dem Weg.  

Zeitenwende ist eingeläutet

Dennoch möchte ich 2023 nicht einfach so von dannen ziehen lassen und werde einen Blick auf ein paar ausgewählte Erlebnisse im vergangenen Jahr liwelt werfen. Es sind dies Begebenheiten, über die ich unter anderem aus Zeitgründen nicht geschrieben habe und dennoch einen bleibenden Eindruck bei mir hinterliessen. Dazu zählt das Interview von Moderator Tobias Müller mit dem deutschen Diplomaten Wolfgang Ischinger am diesjährigen Unternehmertag. 

Als Moderator Müller den Diplomaten Ischinger damals fragte, wie sehr ihn die aktuelle Weltsituation schmerze, antwortete dieser: “Die Tatsache, dass eine Nuklearmacht einen Krieg mitten in Europa führt, schmerzt mich sehr” und fuhr fort: “Ich sehe, dass an verschiedenen Stellen Brände ausgebrochen sind, die lange nicht gelöscht sein werden und glaube, dass in absehbarer Zeit Krieg Normalität annehmen wird.” Die aktuelle Lage hätte eine Zeitenwende eingeläutet. 

Ischinger: “Konflikte sind ĂĽberwindbar“

In seiner Karriere als Diplomat habe Ischinger zwei Dinge gelernt: “Der erste Punkt ist, dass wenn zwei Parteien im Krieg miteinander sind, kriegt man sie nur ernsthaft an einen Tisch, wenn die Einsicht gegeben ist, dass der militärische Einsatz nichts mehr bringt.” Zweitens müsse Vertrauen gebildet werden: Vertrauen sei die Währung der Diplomatie. Allerdings sei man in der aktuellen Situation noch weit von echter Vertrauensbildung entfernt. Die Lage in Israel bezeichnete er zudem als Bankrotterklärung jahrzehntelanger westlicher Diplomatie. 

Trotz allem machte Ischinger dem Publikum auch Hoffnung: “Als Deutscher weiss ich auch, dass es den Erzfeind mit dem man keinen Frieden schliessen kann, nicht gibt” und verwies dabei auf die Deutsch-Französische Aussöhnung zwischen Charles de Gaulle und Konrad Adenauer im Jahre 1963. “Das Schöne an Aussenpolitik: Es gibt nichts, das Ewigkeit hat. Konflikte sind ĂĽberwindbar“, so Ischinger. 

Ein Jahr liwelt

Am 1. Januar 2024 blickt liwelt auf sein einjähriges Bestehen als Online-Zeitung zurück. Ein Jahr mit vielen Höhen und Tiefen, wofür ich dankbar bin. Dankbar vor allem für all die zwischenmenschlichen Begegnungen und neuen Erfahrungen in beruflicher und persönlicher Hinsicht. Es fehlte aber nicht an Enttäuschungen. Enttäuschungen besonders über Liechtensteins Innenpolitik.

Um das Erscheinungsbild auf der Weltbühne zu wahren, werden keine Mühen und Ausgaben gescheut. Wenn es jedoch um Anliegen der Bevölkerung innerhalb der Landesgrenzen geht, dann fehlt entweder das Geld oder das Bewusstsein über die Bedeutung bestimmter Anliegen. 

So titelte eine Medienmitteilung der Regierung in Bezug auf den Vorsitz im Europarat: “Liechtenstein führt die Europäische Wertegesellschaft an”, gleichzeitig stört sich die Regierung weder am Medienmonopol, noch an der Verletzung der Religionsfreiheit, indem sie beispielsweise noch immer kein Grundstück für einen islamischen Friedhof bereitstellt. 

Zum Regierungs-Ethos noch zwei Anekdoten aus dem liwelt-Arbeitsalltag: 

Einmal fragte ich einen Ministeriums-Mitarbeiter um VergĂĽtung fĂĽr die Veröffentlichung einer VeranstaltungsankĂĽndigung von der Regierung. Hier die Antwort, die ich mir damals notierte: “Es gibt einen Topf, dass das (die Veranstaltung) in anderen Medien abgedruckt werden kann, fĂĽr eine Veröffentlichung in liwelt haben wir aber kein Budget.” Als ich nach der BegrĂĽndung fragte, antwortete dieselbe Person: “Mir ist es egal, ob möglichst viele BĂĽrger von der Veranstaltung erfahren, daher ist es auch ok, wenn Sie die Veranstaltung nicht veröffentlichen.“ Und weiter: “Eine staatliche Behörde muss ein „Nein“ nicht begrĂĽnden. Wir können das also abkĂĽrzen: Nein, wir werden das nicht bezahlen.” 

Eine weitere Umgangsform der Liechtensteinischen Behörden mit Medien: Auf ein paar einfache Fragen per Mail erhält man eine Flut von Gesetzeslinks zugesandt, worin man die Antwort auf die Frage selbst finden soll. Wird etwa erwartet, dass man sich erst durch alle Gesetze kämpft, ehe man einer Antwort für würdig befunden wird? Gesetzesfluten funktionieren dennoch, weil sie eine kafkaeske Situation schaffen.

Für das neue Jahr wünsche ich mir daher, dass die Politiker ihre Vogelperspektive verlassen und die Aufmerksamkeit vermehrt den Sorgen der Durchschnittsbevölkerung widmen, besonders aber den finanziell Benachteiligten unter uns: Der Armutsbericht 2020, der im Mai veröffentlicht wurden, zeigt, dass sich Liechtenstein betreffend Armutsgefährdung nicht von anderen Staaten abhebt und sich zahlenmässig im europäischen Mittelfeld bewegt.

 

Bild: Shutterstock

An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei allen Menschen bedanken die liwelt lesen, Leserbriefe und Kommentare schreiben sowie bei allen die liwelt im letzten Jahr unterstützt haben. 



Wolfgang Ischinger: ”Das Schöne an Aussenpolitik: Es gibt nichts das Ewigkeit hat.“

Bild: Rita Feger