Im Spiegel unerlöster Emotionen und existenzieller Einsamkeit

Als Parabel über selbst- und fremdbestimmtes Frauenleben im 19. und 21. Jahrhundert, als Kontraststück über das Korsett gesellschaftlicher Konventionen in Beziehungsfragen, als Spiegelung zweier Frauenschicksale legt TAK-Intendant Thomas Spieckermann seine Dramatisierung von Theodor Fontanes „Effie Briest“ und Annie Ernauxs „Der junge Mann“ an.

2. Februar 2024 | Johannes Mattivi
Kultur

Die vorderhand einzige Schnittmenge zwischen Theodor Fontanes Gesellschaftsroman „Effie Briest“ (1895) und Annie Ernauxs autobiografischer Erzählung „Der junge Mann“ („Le jeune homme“, 2022) scheinen die beiden zentralen Frauenfiguren Effie und Annie zu sein. Auf den zweiten Blick offenbart sich Thomas Spieckermanns Dramatisierung und Verzahnung der beiden Prosatexte für die TAK-Bühne als gefinkeltes Spiel mit Yin und Yang – der schwarze Tropfen mit dem weissen Punkt im Kopf, der in den weissen Tropfen mit dem schwarzen Punkt im Kopf überfliesst, dann umgekehrt weiterfliesst in einem beständigen, ewigen Kreislauf, in einer Dynamik, die sich um sich selbst dreht und keinen Ausbruch aus der Kreisform kennt.

Gefangen in der Matrix

Das war nämlich Thomas Spieckermanns zentrale Frage, als er die beiden rund 120 Jahre auseinanderliegenden Prosatexte für eine gemeinsame Bühnen-Dramatisierung auswählte: „Welche Wahlfreiheit haben wir?“ Welche Wahlfreiheit hat die 17-jährige Effie Briest aus gut-bürgerlichen Verhältnissen des 19. Jahrhunderts, als es gilt, mit der „guten Partie“ Baron von Instetten, einem um 21 Jahre älteren fleissigen Beamten mit Karrierezukunft, verheiratet zu werden? Welche Wahlfreiheit haben die übrigen Romanfiguren, die um Effie wie Planeten kreisen, scheinen sie doch alle auf je eigene (Rollen-)Art im Korsett der bürgerlichen Konventionen des 19. Jahrhunderts gefangen zu sein? Fontane beschreibt ihr Denken, Fühlen und Handeln akribisch genau als Panoptikum typischer bürgerlicher Existenzen der späten preussischen Monarchiezeit, in der die äusserlich streng gepflegten Konventionen mit der internalisierten gesellschaftlichen Matrix Hand in Hand gehen.

Gärende Emotionen

Gewiss: Die unerfüllten und letztlich unerfüllbaren emotionalen Bedürfnisse der Romanfiguren, der Drang zu Freiheit und Selbstbestimmung wirkt als Gärstoff in den psychischen Eingeweiden aller „Effie Briest“-Figuren. Aber das äusserliche Korsett der Konventionen, das alle Handlungen streng bestimmt, kann weder gelockert noch gar gesprengt werden. So muss sich die junge, energiegeladene Effie zunächst in ihr langweiliges Landleben mit dem schulmeisterlich „netten“ Gemahl Baron von Instetten fügen, muss die Einsamkeit ertragen, wenn ihr Gatte ständig auf Dienstreisen ist, und sie folgt ihm auch brav nach Berlin, als er dort zum angesehenen Ministerialen berufen wird. Der verheiratete flotte „Damenmann“ Major von Crampas muss seiner flotten Verführer-Rolle gerecht werden, indem er mit Effie eine leichtsinnige Affäre beginnt. Effies gehörnter Ehemann Baron von Instetten, der viele Jahre nach der kurzen, eher emotionsarmen Affäre durch ein zufällig gefundenes Liebesbriefbündel die Wahrheit erfährt, muss seinen „alten Freund“ Crampas zum Duell fordern, muss ihn dabei erschiessen, muss seine Frau verstossen und das gemeinsame Kind fremd unterbringen. Auch wenn er sein eigenes Leben damit zerstört. Und auch Effies Eltern müssen ihre „schändliche“ Tochter letztlich verstossen, obwohl die Elternliebe dagegenspricht.

Die äusserlich moralisierende Gesellschaft und die internalisierten moralischen Konventionen in der preussischen Monarchiezeit sind nicht nur gnadenlos – sie wirken auf fehlbare Mitglieder in letzter Konsequenz tödlich: Major von Crampas muss viele Jahre nach seinem Fehltritt im Duell sterben, und die verstossene Effie muss zum Schluss tödlich erkranken. Auch wenn die Romanfiguren deutlich erkennen, dass eine solcherart organisierte Gesellschaft im Innersten zutiefst faulig ist, gelingt kein Ausbruch. Und Autor Theodor Fontane erhebt auch keine politisch revolutionären Forderungen. Er beschreibt nur seine Figuren, deren Gefühle, Gedanken und Handlungen akribisch genau und überlässt seiner mitdenkenden und mitfühlenden Leserschaft die notwendigen Schlussfolgerungen.

Anything goes (not) 

Und dann ist da noch die autobiografisch schreibende französische Schriftstellerin Annie Ernaux, die sich im 21. Jahrhundert scheinbar alle Freiheiten erlauben kann, die einer Effie Briest im 19. Jahrhundert verwehrt waren. Eine Annie Ernaux, die als Mit-Fünfzigerin eine sexuell freizügige Affäre mit einem 25-jährigen Studenten beginnt, die sie aus ihrer Altersschicht reisst. Die offen über eine Abtreibung in jungen Jahren als „Ereignis“ berichten kann. Die die Macht ihrer Selbstbestimmtheit rückhaltlos und rücksichtslos auslebt. Und die dann dennoch von den schiefen Blicken der Gesellschaft auf die konventionsbrechende Affäre mit dem „jungen Mann“ betroffen ist. Die Affäre erodiert und zerbricht unter der Last der Verhältnisse, Annies Begehren und ihre unerlösten Emotionen erodieren und zerbrechen ebenfalls. Als letzter Ausweg bleibt der Autorin nur, ihr Leben und Erleben zur persönlich-überpersönlichen Literatur zu machen, ihre Gedanken und Emotionen auf eine künstlerische, literarische Metaebene zu erheben und damit der schmerzhaft unerfüllten Realität zu entheben.

„Effie Briest / Der junge Mann“ im TAK – in der dichten Dramatisierung von Intendant Thomas Spieckermann, unter der bewährt ideenreichen Regie von Hausspielleiter Oliver Vorwerk, im schlicht effektvollen Bühnenbild von Alexander Grüner und mit grandiosen darstellerischen Leistungen des Bühnenensembles Georg Melich, André Rohde, Nicole Spiekermann und Christiani Wetter – liefert einen durchaus anspruchsvollen, hochklassigen und lohnenden Abend. Viel gehaltvolles Futter zum Mit- und Weiter-Denken und -Fühlen für ein geneigtes Publikum, das auch am zweiten Vorstellungsabend nach der Premiere langanhaltenden begeisterten Applaus spendete.

 

Weitere Vorstellungen: Mittwoch, 21. Februar und Donnerstag, 7. März, jeweils um 19.30 Uhr im TAK.

Infos und Tickets unter tak.li.

 

Impressionen

 

 

 

Bilder: TAK

„Effie Briest / Der junge Mann“ im TAK mit grandiosen darstellerischen Leistungen des Bühnenensembles Georg Melich, André Rohde, Nicole Spiekermann und Christiani Wetter.

Bild: TAK