Globale Naturkatastrophenschäden 2023 bei 250 Mrd. Dollar

München - "Die Schadenbilanz war im vergangenen Jahr vergleichbar mit den Vorjahren. Bemerkenswert ist aber, dass das ohne ein einzelnes Ereignis mit einem versicherten Schaden von mehr als zehn Milliarden Dollar zustande kam", sagte der Chef-Klimawissenschaftler des weltgrössten Rückversicherers, Ernst Rauch.

9. Januar 2024 | News International
Welt

Kein verheerender Hurrikan, keine teure Sturzflut – und doch haben Naturkatastrophen 2023 nach Berechnungen der MĂĽnchener RĂĽck 250 Mrd. Dollar (228 Mrd. Euro) Schaden angerichtet. 2022 hatte allein der Hurrikan „Ian“ Schäden von 100 Mrd. Dollar angerichtet, 60 Milliarden davon trugen die Versicherer. 

Erderwärmung verstärkt die Wetterextreme 

Im vergangenen Jahr bestimmten Unwetter und schwere Gewitter mit Hagel die Naturkatastrophen-Bilanz, vor allem in Nordamerika und Europa. Sie allein richteten 76 Mrd. Dollar Schaden an, 58 Mrd. Dollar davon waren versichert. „Wir mĂĽssen uns auf solche Schadenhöhen einstellen“, warnt Rauch. „Schadenereignisse, die man frĂĽher als sekundär angesehen hat, sind in der Summe zu einem wichtigen Schadentreiber geworden.“ Das mĂĽssten auch die RĂĽckversicherer, die die Erstversicherer gegen solche Katastrophen absichern, in ihren Preisen einkalkulieren.

Am Extremwetter schuld ist fĂĽr Rauch auch der Klimawandel. Bis Ende November lagen die Temperaturen 2023 global 1,3 Grad ĂĽber dem Wert aus der Zeit zwischen 1850 und 1900. „Die seit Jahren beschleunigte Erderwärmung verstärkt in vielen Regionen die Wetterextreme und damit das Schadenspotenzial. Bei höheren Temperaturen verdunstet mehr Wasser, und mit der zusätzlichen Feuchtigkeit steigt in der Atmosphäre die potenzielle Energie fĂĽr starke Unwetter“, sagt der Klimaexperte. Das erklärt auch die jĂĽngsten Ăśberschwemmungen in Niedersachsen. „Weihnachtshochwasser gab es in Deutschland schon häufiger“, sagt Rauch. „Allerdings nehmen die Niederschläge im Winter in Mitteleuropa seit Jahrzehnten zu, während es im Sommer weniger werden.“

Teuerste Naturkatastrophe des Jahres: Erdbeben in der TĂĽrkei und in Syrien

Rauch setzt auf Prävention, etwa beim Bauen. Sonst drohten steigende Preise fĂĽr Wohngebäude-Policen. „Mit wachsenden Risiken steigen auch die Kosten fĂĽr deren Absicherung.“ Das sei auch ein soziales Thema, sagt der Forscher der MĂĽnchener RĂĽck (Munich Re). „Ich halte es aber fĂĽr sehr unwahrscheinlich, dass man sich als Hausbesitzer in Deutschland Naturkatastrophenschutz in absehbarer Zeit nicht mehr leisten kann“, gibt er Entwarnung. Die Prämien liegen meist bei niedrigen dreistelligen Summen pro Jahr. Zum Vergleich: In Hurrikan-Regionen etwa in Florida können die Prämien bei 5’000 bis 7’000 Dollar liegen.

Die teuerste Naturkatastrophe des Jahres war zugleich die tödlichste: das Erdbeben in der Türkei und in Syrien. 58’000 Menschen starben. Von den rund 50 Mrd. Dollar Schaden an Häusern, Strassen und Brücken waren nur 5,5 Milliarden durch Versicherungspolizzen abgedeckt, obwohl es in der Türkei eine Pflicht-Versicherung für Wohngebäude gibt. Insgesamt verloren 74’000 Menschen 2023 bei Naturkatastrophen ihr Leben, so viele wie seit dem Erdbeben 2010 in Haiti nicht mehr. Insgesamt lagen die Naturkatastrophen-Schäden 2023 mit 250 (2022: 250) Mrd. Dollar auf dem Durchschnittsniveau der vergangenen fünf Jahre, die versicherten Schäden mit 95 (2022: 125) Mrd. Dollar sogar um 10 Milliarden unter dem Fünfjahresschnitt.

Dabei hatten die Versicherer auch GlĂĽck: Einer der schwersten Hurrikane, „Idalia“, traf auf eine dĂĽnn besiedelte Region in Florida, viele andere erreichten nicht das Festland. Und in vielen Weltregionen ist die Versicherungsdichte gering: So blieben beim Taifun „Doksuri“ in China, Vietnam und auf den Philippinen nur zwei Mrd. Dollar bei den Versicherern hängen – bei einem Gesamtschaden von 25 Milliarden. Der Hurrikan „Otis“ richtete unter anderem im mexikanischen Badeort Acapulco 12 Mrd. Dollar Schaden an, nur ein Drittel davon waren versichert.

(APA/Reuters)

 

 

 

58’000 Tote bei Erdbeben in Türkei und Syrien

Bild: YASIN AKGUL