G’hörig und subr – Warum die Reinlichkeit weiblich ist

Die Natur kennt keinen Schmutz und keinen Abfall – nur den Kreislauf von Materie in Aufbau, Zerfall und Wiederverwertung. Also ist Schmutz etwas zutiefst Menschliches: Unerwünschte Materie am falschen Ort, die entfernt werden muss. Auch im moralischen Sinn.

5. Februar 2024 | Johannes Mattivi
Kultur

Und da wir gerade bei der Moral sind: Der Begriff ist nicht umsonst weiblich. Seit der biblischen Eva im Paradies. Denn es war ja Adams Frau Eva, die sich von der teuflischen Schlange zum allerersten Bruch des seinerzeit wichtigsten moralischen Gebots Gottes im Garten Eden verführen liess: „Von diesem Baum dürft ihr nicht essen.“ Erst danach liess sich der seiner Frau hörige Adam zum Biss in die verbotene Frucht verleiten, die ihm damals – und seither immer noch sichtbar – als Adamsapfel im Hals stecken blieb, als Gott rief: „Adam, wo bist du?“

Unrein blutendes Wesen Frau

Eine fette mythologische Geschichte – mit Folgen bis zum heutigen Tag. Denn auch nach der dritten oder vierten Widerstandswelle des Feminismus gilt die Frau immer noch als das schwächere, verführbare Geschlecht, als jenes Menschenwesen, das zum Unterschied vom angeblich logischer denkenden Mann dem Chaos wechselnder Emotionen und Befindlichkeiten ausgeliefert ist, das zum Unterschied vom Mann einmal pro Monat auf mysteriöse Art blutet, ohne zu verbluten, dabei aber auch im raschen Wechsel irgendwelchen Schmerzen und Missstimmungen ausgeliefert ist, also gegenüber sich selbst und den Männern in ihrer Umgebung unleidlich wird.

Und nachdem der Mensch aus Erfahrung weiss, dass das im Körper kreisende Blut der Träger des Lebens sein muss, weil Menschen und Tiere durch klaffend blutende Wunden sterben und schon ein blutarm blasses Gesicht ein sichtbares Symptom von Krankheit darstellt, muss ein Wesen, das blutet, ohne zu verbluten, demnach in irgendeiner Form unrein sein – zumindest in jenen Phasen, in denen es blutet. Schliesslich steht schon im alten Testament, dass sich der Mensch von Blut und Ersticktem enthalten soll, weshalb Schlachttiere durch Schächten zuerst ausgeblutet werden, bevor das Fleisch weiterverarbeitet werden kann. 

Das gilt zumindest für Landtiere bzw. Haustiere, weil auch der Mensch ein Landlebewesen ist. Fische schwimmen im Wasser, atmen keine (Land-)Luft und in ihrem Kreislauf muss demnach eine andere Art von „Lebenssaft“ zirkulieren, als jenes Blut, das der Mensch von sich selbst und anderen Landlebewesen kennt.  

Hartnäckige Traditionen

All das Gesagte sollte eigentlich wie eine ferne, vor-aufklärerische Vergangenheit erscheinen, sollte nach Märchen, Mythen und wilder Phantasie klingen. Wären nicht nach etwa 5000 Jahren kontinuierlichem Patriarchat und maximal 150 Jahren feministischer Bewegungen auch im Jahr 2024 noch deutliche Reste dieser alten Vorstellungen in unserer Gesellschaft zu finden. 

Und wer allzu leicht auf religiös verbrämte patriarchalische Gesellschaften in Afrika, im Orient oder in Asien verweisen möchte, sei daran erinnert, dass hierzulande bis in die 1970er Jahre ein Ehemann als Haushaltsvorstand galt, der seiner Gattin per Unterschrift erlauben oder auch verbieten konnte, ausser Haus einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Das Wahl- und Abstimmungsrecht, das Testierrecht vor Gerichten, Ämtern und Behörden sowie das straffreie Abtreibungsrecht für Frauen zogen sich auch in Europa etappenweise durch das gesamte 20. Jahrhundert. 

Und von den hartnäckigen gesellschaftlichen Rollen-Klischees von Hausfrau und Mutter versus (allein verdienendem) ausserhäuslichem Erwerbsarbeits-Mann müssen wir gar nicht reden, weil selbst heute noch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gerade für Frauen immer noch Diskussionsthema ist – neben ungleicher Bezahlung für gleichwertige Tätigkeiten, Unterbezahlung von „typisch weiblichen“ Tätigkeiten, Ungleichverteilung von Care-Arbeit bei Kindererziehung und Pflege von älteren und elterlichen Menschen. Elternzeit (Karenz), Teilzeitarbeit versus Vollzeitarbeit, Karriere-Unterbrüche, unterschiedliche Pensionshöhen, neuere gender-medizinische Erkenntnisse und der Clash of Cultures innerhalb und zwischen verschiedenen Gesellschaften kommen zu den Debatten noch dazu.

Vom Putzen – innen, aussen, überall

Der Untertitel der bis 27. Oktober im Frauenmuseum Hittisau (Bregenzerwald) laufenden Ausstellung „Blitz Blank!“ („Vom Putzen – innen, aussen, überall“) spricht solcherart zurecht breit gefächerte Bände. Denn in der dichotomischen Vorstellung von „Rein – Unrein“, „Schmutzig – Sauber“ vibriert nicht nur die rein menschliche Vorstellung von Schmutz, Abfall, Unrat, welche in der Kreislaufwirtschaft der Natur unbekannt ist, es schwingen auch moralische Vorstellungen und Gender-Rollenklischees mit.

Putzen ist eine Kulturtechnik, Schwerarbeit, Ritual, gesellschaftliche Vorgabe. Putzen ist eine häufig ungeliebte, zeitraubende Tätigkeit, die noch immer vorwiegend von Frauen ausgeübt wird. Es geht um Sauberkeit als Zivilisierung der Natur, es geht darum, in eine als chaotisch, weil schmutzig erlebte Umgebung Ordnung zu bringen, es geht um Bändigung jeglicher Unordentlichkeit in physischem, psychischem, emotionalem und moralischem Kontext.

Und genau deshalb haben die beiden Frauenmuseum-Hittisau-Kuratorinnen Stefania Pitscheider Soraperra und Lisa Noggler-Gürtler in aufwendiger Recherche- und Beschaffungsarbeit mehr als zwei Dutzend Künstlerinnen mit ihren Positionen zum Thema „Sauberkeit“ in einer facettenreichen Ausstellung im Frauenmuseum Hittisau und am Nebenschauplatz Lechmuseum (in Lech am Arlberg) versammelt. Während im Frauenmuseum Hittisau der Schwerpunkt auf sichtbaren gesellschaftlichen Vorstellungen zum Thema „Sauberkeit“ liegt, thematisiert die Nebenausstellung im Nobel-Ski- und Tourismusort Lech am Arlberg die unsichtbare Hintergrundarbeit der putzenden Stubenmädchen in Hotels und Gaststätten.

Humorvoll und nachdenklich

Wie schon ein Rundgang durch die Ausstellung „Blitz Blank!“ im Frauenmuseum Hittisau zeigt, nähern sich die dort versammelten Künstlerinnen dem Thema „Sauberkeit“ auf kritisch-humorvolle, aber auch ernsthaft-nachdenkliche Weise an. Und wie die Kassafrau im Museum bestätigt, besuchen nicht nur Frauen (und Bregenzerwald-Tourist/-innen) die Ausstellung, sondern auch Single-Männer, an denen die eigene Haushaltsarbeit unweigerlich kleben bleibt, weil keine Frau zum Delegieren zur Verfügung steht. Daneben kommen auch zahlreiche Männer, die selbst im Haushalt Halbe-Halbe zu verwirklichen versuchen, und natürlich auch Männer, die von ihren Freundinnen oder Gattinnen mitgenommen werden oder einfach neugierig sind. Denn das einzige Frauenmuseum der Region ist bekannt für seine ungewöhnlichen und spannenden Ausstellungen, die natürlich von einem rein weiblichen Team getragen werden.

Bild: Johannes Mattivi

Die Ausstellung „Blitz Blank!“ („Vom Putzen – innen, aussen, überall“) im Frauenmuseum Hittisau und im Lechmuseum (Lech am Arlberg) läuft noch bis 27. Oktober 2024.

Zu sehen sind Werke von VALIE EXPORT, Karin Mack, A.M. Jehle, DIE DAMEN, Melanie Greußing, Paul Hazelton, Swaantje Güntzel, Christine Lederer, Friederike Klotz, Jelena Micić, Kateřina Šedá, Swaantje Güntzel, honey & bunny (Sonja Stummerer & Martin Hablesreiter), Ona B, Maria Stockner, Maria Walcher, Tina Van de Weyer, Daniel Spoerri u.a.

 

Weitere Infos unter frauenmuseum.at und lechmuseum.at

      

 

Bilder: Johannes Mattivi

 

 

     

 

     

 

 

 

 

 

 



Die Ausstellung „Blitz Blank!“ („Vom Putzen – innen, aussen, überall“) im Frauenmuseum Hittisau.

Bild: Johannes Mattivi