Gefahren und Nutzen elektronischer Gesundheitsdossiers

Ab Juli sind Ärzte gesetzlich verpflichtet medizinische Informationen einer krankenversicherten Person in einer elektronischen Datenbank abzulegen. Was und wem nutzt das? Und weshalb besteht die Möglichkeit der Widerspruchseinlegung?

10. Februar 2023 | Rita Feger
Gesellschaft

Das elektronisches Gesundheitsdossier (eGD) wurde Anfang Jahr fĂŒr jede in Liechtenstein krankenversicherte Person eingerichtet. Beim eGD handelt es sich um eine elektronische Datenbank, in welche sogenannte “eGD-Gesundheitsdienstleister“, also Personen des Landesspitals, der Liechtensteiner Alters- und Krankenhilfe sowie anderer Einrichtungen des Gesundheitswesens, fortlaufend medizinische Informationen ĂŒber eine versicherte Person ablegen. 

Umfassende Datenbank

Laut Gesetz enthĂ€lt das eGD auch administrative Daten, die vom Amt für Gesundheit für jeden Versicherten erfasst werden. Dazu zĂ€hlen folgende Angaben ĂŒber den Versicherten: Name, Adresse und Geburtsdatum des Versicherten sowie dessen persönliche Identifikationsnummer (IDN). Die IDN ist eine jedem Versicherten im eGD zugewiesene Identifikationsnummer. Zu den administrativen Daten gehören ausserdem Angaben zur Grundversicherung.

Neben den administrativen Daten werden im eGD auch Gesundheitsdaten und genetische Daten des Versicherten festgehalten. Gesundheitsdaten und genetische Daten darf nur eine „zugriffsberechtigte Person”, das heisst  ein Gesundheitsdienstleister, eingeben sowie abfragen. “Zugriffsberechtigt” sind aber nicht nur Ärzte, sondern auch Apotheker und Chiropraktiker. 

Die Gesundheitsdaten und genetischen Daten, die ins eGD des Versicherten eingespiesen werden, ergeben sich aus Zuweisungs- und Überweisungsbriefen, Arztberichten, Befunde aus Labor oder bildgebender Diagnostik sowie Medikationen. Aber auch Allergien und UnvertrĂ€glichkeiten werden darin vermerkt.

Daten generieren Wissen und Effizienz 

Gerade in Zeiten von FachkrÀftemangel verspricht das eGD auch mehr Effizienz. Wenn sich zum Beispiel ein Kind in der Schule verletzt, kann man mit Hilfe des eGD ganz einfach kurz nachzuschauen, ob es gegen Tetanus geimpft ist.

Die Daten werden laut den Aussagen von Volker Amelung, Professor für internationale Gesundheitssysteme an der Medizinischen Hochschule Hannover in einem Interview der Stiftung Sanitas von 2019, erst interessant, wenn sie mit Algorithmen unterlegt werden. Der Algorithmus findet dann Anhand der ins eGD eingespeisten Daten heraus, inwiefern zum Beispiel die RĂŒckenschmerzen mit der vormals diagnostizierten psychischen Erkrankung des Patienten zusammenhĂ€ngen.

Im genannten Interview fĂŒhrt Amelung aus, dass man sich keine Illusion machen mĂŒsse, dass über Daten weit mehr herausgefunden werden kann, als der Patient selbst weiss: “Jeder muss für sich entscheiden, wie viel er wissen möchte und hinsichtlich Gendiagnostik auch mit Wahrscheinlichkeiten umgehen lernen.” 

Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung

Eine Verletzung der PrivatsphĂ€re wiegt umso schwerer, je persönlicher und damit schĂŒtzenswerter die betreffenden Informationen sind. Bei Informationen ĂŒber den Gesundheitszustand eines Patienten handelt es sich in der Regel um besonders private Angaben. Das VerfĂŒgen ĂŒber Informationen anderer Menschen ist grundsĂ€tzlich anfĂ€llig fĂŒr Machtmissbrauch und Manipulation, weshalb die Verfassung ein sogenanntes Recht auf informationelle Selbstbestimmung garantiert.

Der Schutzbereich des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung umfasst personenbezogene Daten mit einer bestimmbaren Verbindung zu einer Person. SĂ€mtliche medizinischen Angaben die ins eGD eingegeben werden gelten als personenbezogene Daten, die mit Hilfe der administrativen Daten eindeutig einer Person zugewiesen werden können. Daraus folgt, dass der Missbrauch mit Informationen ĂŒber den Gesundheitszustand eines Patienten einen Eingriff in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung des Betroffenen darstellt.

Bestimmbares Versicherungsrisiko birgt Diskriminierungsgefahr 

Eine Grundrechtsverletzung liegt auch vor, wenn ohne Einwilligung des Versicherten, Gesundheitsdaten an Dritte weitergegeben werden. Besonders wenn der Staat Zugang zu derart sensiblen Informationen wie der Krankengeschichte und genetischen Veranlagung einer Person hat, ist Vorsicht geboten.

So kann das eGD auf lang oder kurz das Versicherungsrisiko einer Person bestimmen, womit die Gefahr der Diskriminierung gefÀhrlich zunimmt. Noch haben Krankenkassen keinen Zugriff auf das eGD ihrer Versicherten, doch das kann sich Àndern.

Wahrnehmung des Widerspruchsrechts 

Weil beim Sammeln der Informationen fĂŒr das eGD in die höchstpersönliche PrivatsphĂ€re des Versicherten eingegriffen wird, steht diesem auch das Recht zu, der Verarbeitung seiner Gesundheitsdaten jederzeit zu widersprechen. Ein Widerspruch ist nicht unwiderruflich. Es besteht jedoch kein Rechtsanspruch auf eine nachtrĂ€gliche Aufnahme von Gesundheitsdaten und genetischen Daten zwischen dem Zeitpunkt des gĂŒltig eingelegten Widerspruchs und dem wirksamen Widerruf .

Ein Widerspruch oder dessen Widerruf kann entweder ĂŒber das Zugangsportal der eHealth-Plattform oder schriftlich gegenĂŒber dem Amt fĂŒr Gesundheit erfolgen. Hat der Versicherte das 14te Altersjahr noch nicht erreicht, kann nur dessen gesetzlicher Vertreter Widerspruch einlegen beziehungsweise den Widerspruch widerrufen.

Bei einer Widerspruchseinlegung werden alle bis zum Zeitpunkt des Widerspruchs gespeicherten Gesundheitsdaten und genetischen Daten gelöscht.

https://www.serviceportal.li/de/privatpersonen/gesundheit-vorsorge-und-pflege/elektronisches-gesundheitsdossier

https://www.sanitas.com/content/dam/sanitas-internet/Dokumente/Amelung_DE_191011.pdf 



Die Einsicht in Patientendaten kann dem Versicherten nutzen oder missbraucht werden.

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