Forschungsteam der Uni Z├╝rich identifiziert ├╝ber 1000 Missbrauchsf├Ąlle der katholischen Kirche┬á

Erstmals wurde einem unabh├Ąngigen Forschungsteam erm├Âglicht, in kirchlichen Archiven Akten ├╝ber sexuellen Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche einzusehen. Forschende der Universit├Ąt Z├╝rich belegen 1002 F├Ąlle sexuellen Missbrauchs, die katholische Kleriker, kirchliche Angestellte und Ordensangeh├Ârige seit Mitte des 20. Jahrhunderts in der Schweiz begangen haben.┬á

13. September 2023 | Redaktion
Justiz & Polizei

Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK), die Konferenz der Ordensgemeinschaften und anderer Gemeinschaften des gottgeweihten Lebens in der Schweiz (KOVOS) und die Ro╠łmisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) haben das Historische Seminar der Universita╠łt Zu╠łrich damit beauftragt, sexuellen Missbrauch im Umfeld der ro╠łmisch-katholischen Kirche seit Mitte des 20. Jahrhunderts zu erforschen.┬á

In einer einja╠łhrigen Pilotstudie hat ein vierko╠łpfiges Forschungsteam unter der Leitung der Professorinnen Monika Dommann und Marietta Meier die Thematik untersucht. Einbezogen wurden nicht nur sa╠łmtliche Dio╠łzesen in allen Sprachregionen der Schweiz, sondern auch die staatskirchenrechtlichen Strukturen und die Ordensgemeinschaften. Damit wurde die katholische Kirche in der Schweiz als Ganzes in den Blick genommen.

Bis auf einige Ausnahmen wurden dem Projektteam die notwendigen Zuga╠łnge zu den Archiven ohne gro╠łssere Hu╠łrden ermo╠łglicht. So konnten zehntausende Seiten bisher geheim gehaltener Akten gesichtet werden, die von Verantwortlichen der katholischen Kirche seit Mitte des 20. Jahrhunderts angelegt wurden. Zudem wurden zahlreiche Gespra╠łche mit von sexuellem Missbrauch Betroffenen und weiteren Personen gefu╠łhrt.

Dochmann/Meier: ┬źIdentifizierte F├Ąlle nur Spitze des Eisberges┬╗

Das Forschungsteam hat Belege fu╠łr ein grosses Spektrum an Fa╠łllen sexuellen Missbrauchs gefunden ÔÇô von problematischen Grenzu╠łberschreitungen bis hin zu schwersten, systematischen Missbra╠łuchen, die u╠łber Jahre hinweg andauerten. Insgesamt wurden 1002 Fa╠łlle, 510 Beschuldigte und 921 Betroffene identifiziert. In 39 Prozent der Fa╠łlle war die betroffene Person weiblichen Geschlechts, in knapp 56 Prozent ma╠łnnlich. Bei 5 Prozent liess sich das Geschlecht in den Quellen nicht eindeutig feststellen.┬á

Die Beschuldigten waren bis auf wenige Ausnahmen Ma╠łnner. Von den Akten, die wa╠łhrend des Pilotprojektes ausgewertet wurden, zeugten 74 Prozent von sexuellem Missbrauch an Minderja╠łhrigen. 14 Prozent betrafen Erwachsene und in 12 Prozent der Fa╠łlle war das Alter nicht eindeutig feststellbar.

┬źBei den identifizierten Fa╠łllen handelt es sich zweifellos nur um die Spitze des Eisbergs┬╗, erkla╠łren Monika Dommann und Marietta Meier. Zahlreiche Archive, in denen weitere Fa╠łlle von Missbrauch dokumentiert sein du╠łrften, konnten noch nicht ausgewertet werden, etwa Archive von Ordensgemeinschaften, Dokumente dio╠łzesaner Gremien und die Archivbesta╠łnde katholischer Schulen, Internate und Heime sowie staatliche Archive.┬á

Die Vernichtung von Akten kann fu╠łr zwei Dio╠łzesen belegt werden. Daru╠łber hinaus la╠łsst sich beweisen, dass nicht alle Meldungen konsequent schriftlich festgehalten und archiviert wurden. ┬źAngesichts der Erkenntnisse aus der Dunkelfeldforschung gehen wir davon aus, dass nur ein kleiner Teil der Fa╠łlle u╠łberhaupt jemals gemeldet wurde┬╗, so die Forscherinnen.

Systematische Vertuschung durch die Kirche

Sexueller Missbrauch von Minderja╠łhrigen ist im Kirchenrecht seit langem ein schwerwiegender Straftatbestand. ┬źIn den ausgewerteten Fa╠łllen wurde das kirchliche Strafrecht aber u╠łber weite Strecken des Untersuchungszeitraums kaum angewandt. Stattdessen wurden zahlreiche Fa╠łlle verschwiegen, vertuscht oder bagatellisiert┬╗, so die Forschenden. Kirchliche Verantwortungstra╠łger versetzten beschuldigte und u╠łberfu╠łhrte Kleriker systematisch, mitunter auch ins Ausland, um eine weltliche Strafverfolgung zu vermeiden und einen weiteren Einsatz der Kleriker zu ermo╠łglichen. Dabei wurden die Interessen der katholischen Kirche und ihrer Wu╠łrdentra╠łger u╠łber das Wohl und den Schutz von Gemeindemitgliedern gestellt.

Ein grundsa╠łtzlicher Wandel dieses Vorgehens la╠łsst sich erst im 21. Jahrhundert feststellen, als der Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauchsfa╠łllen immer ha╠łufiger fu╠łr Skandale sorgte. So erliess die Schweizer Bischofskonferenz nach der Jahrtausendwende Richtlinien zum Umgang mit Fa╠łllen sexuellen Missbrauchs sowie zu deren Pra╠łvention und gru╠łndete dio╠łzesane Fachgremien, die sich mit gemeldeten Fa╠łllen befassen sollten. Diese Gremien weichen jedoch in ihrer Arbeitsweise bis heute deutlich voneinander ab und sind unterschiedlich stark professionalisiert.

(UZH/red)



Publikation  

Vanessa Bignasca, Lucas Federer, Magda Kaspar und Lorraine Odier: Bericht zum Pilotprojekt zur Geschichte sexuellen Missbrauchs im Umfeld der ro╠łmisch-katholischen Kirche in der Schweiz seit Mitte des 20. Jahrhunderts.
https://www.news.uzh.ch/de/articles/media/2023/Missbrauch.html https://doi.org/10.5281/zenodo.8315772  

Hilfe f├╝r Betroffene

Ausfu╠łhrliche Informationen bezu╠łglich Unterstu╠łtzung bei sexuellem Missbrauch finden sich unter folgender Adresse: https://www.missbrauch-kath-info.ch/informationen-fuer-betroffene/



Sexuelle ├ťbergriffe durch katholische Ordenstr├Ąger wurden jahrelang vertuscht.

Bild: Shutterstock