KI, China und Klima: Finance Forum Liechtenstein 2023 wagt den Blick in die Zukunft

Prominente Referenten wie Sicherheits- experte Christoph Heusgen, Vontobel-CEO Zeno Staub, LGT-Bank-CEO Roland Matt und Ökonom Klaus Wellershoff beleuchteten am gestrigen Finance Forum Liechtenstein 2023 vor rund 450 Gästen die Zukunft der Finanzindustrie. 

10. Mai 2023 | Rita Feger
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Die neunte Ausgabe am Dienstag, bot erneut hochkarätige Referate, informative Workshops und attraktive Netzwerk-Möglichkeiten. Experten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft beleuchteten die aktuellen Chancen und Herausforderungen für die Finanzbranche.

Rund 450 Entscheidungsträger und Finanzfachleute aus der Schweiz, Österreich, Deutschland und Liechtenstein nahmen an der Tagung teil.

Digitale Chancen und Risiken

In seiner Eröffnungsrede ging Liechtensteins Regierungschef und Finanzminister Daniel Risch auf die zunehmende Bedeutung künstlicher Intelligenz (KI) in der Finanzwelt ein und stellte die Frage, ab wann die Finanzwelt KI zur Geldanlage einsetzen werde. Denn mit der fortschreitenden Entwicklung von KI zeichne sich ein tiefgreifender Wandel in fast allen Bereichen ab.

Neben vielen Vorteilen berge KI aber auch Gefahren, weshalb es umso wichtiger sei, dass der Umgang damit bewusst geschehe. Die jüngsten globalen Ereignisse, wie der Ukraine-Konflikt mit seinen Folgen für die europäische Wirtschaft sowie das Credit-Suisse-Debakel rund um die Übernahme durch die Grossbank UBS hätten gezeigt, dass Sicherheit nicht selbstverständlich sei. Umso wichtiger sei es, Vertrauen herzustellen. Im Umgang mit KI bedeute dies vermehrt auf Transparenz zu setzen, so der Regierungschef. 

Einschätzungen zur geopolitischen Lage

Im Anschluss skizzierte der deutsche Sicherheitsexperte Christoph Heusgen die aktuelle geopolitische Situation und erklärte die langfristigen Folgen für Politik und Wirtschaft. 

Als viertstärkste geopolitische Macht – nach den USA, China und Russland – sollte Deutschland laut Heusgen mehr Verantwortung ĂĽbernehmen. Eine neue Zeit sei angebrochen und Deutschland täte sich schwer damit die Konsequenzen daraus zu ziehen. So hätte man in Sachen Klimawandel die Dramatik immer noch nicht verstanden. Dasselbe gelte fĂĽr den Ukraine-Konflikt: “Wir mĂĽssen fast dankbar sein, dass wir im Weissen Haus einen Mann wie Biden sitzen haben, ein wahrer Transatlantiker. Ansonsten stĂĽnde Putin bereits an der Grenze zu Polen”.

Allerdings mĂĽsse Europa in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen, ohne dass Amerika einspringt. Der Vorsitzende der MĂĽnchner Sicherheitskonferenz warnte die westlichen Staaten davor, in der UnterstĂĽtzung fĂĽr die Ukraine nachzulassen. „Wir mĂĽssen unsere westlichen Prinzipien verteidigen“, sagte Heusgen im Gespräch mit Moderator Reto Lipp und zitierte dabei Selensky: “Freiheit muss besser ausgerĂĽstet sein als Tyrannei”. 

Weitere Herausforderungen fĂĽr die Weltpolitik sieht der ehemalige Berater von Angela Merkel und deutsche Botschafter bei den Vereinten Nationen in den aktuellen Spannungen zwischen China und den USA. Insbesondere da sich im Falle Chinas alle Macht auf nur eine Person konzentriere.

Gefragt nach seiner Einschätzung bezĂĽglich Russland, schien Heusgen vorsichtig Entwarnung zu geben. Russland sei zwar nicht zu unterschätzen, dessen wirtschaftliche Energie wĂĽrde sich jedoch ĂĽber lang oder kurz erschöpfen. Putin glaube, dass dem Westen die Ausdauer fehle, sagte Heusgen und fuhr fort: “Wir mĂĽssen uns darauf einstellen, einen langen Atem zu haben.“ Ausserdem arbeite Putin unter dem Schirm der Chinesen und Präsident Xi habe sich klar gegen den Einsatz von Nuklearwaffen gestellt. Diese Drohung gelte eher gegenĂĽber dem Westen. 

Angesprochen auf die Schweiz meinte Heusgen: “Sie können als Schweiz im Sicherheitsrat nicht neutral sein, denn da stehen Sie ein für internationale Regelwerke wie die UN-Charta. Wenn die darin verbürgten Menschenrechte auf dem Spiel stehen, können Sie nicht sagen das geht mich nichts an”.  

Nach der politischen Einschätzung beleuchtete Philipp Wackerbeck die globalen Trends in der Finanzindustrie. Der Partner von PwC und Global Head of Financial Services erklärte, dass sich Finanzdienstleister neu aufstellen sollten, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Anschliessend präsentierten Professor Thomas Ankenbrand und IT-Experte Peter Knapp, wie Daten dank KI und Open Banking zahlreiche Chancen für Finanzdienstleister bieten.

Erfolgsfaktoren fĂĽr Liechtenstein und die Schweiz

In der Folge beleuchteten zwei hochkarätige Vertreter der Liechtensteiner Vermögensverwaltungsbranche die aktuelle Situation am Finanzplatz Liechtenstein. Prinz Michael, Executive Chairman von Industrie- und Finanzkontor, und Thomas Zwiefelhofer, Member of the group board bei First Advisory, waren sich einig, dass die Tradition und die Stabilität auch in Zukunft ein Standortvorteil für den Finanzplatz Liechtenstein darstellen werden.

Nach der Erfrischungspause betraten zwei hochkarätige Bankenvertreter die Bühne. Vontobel-CEO Zeno Staub und LGT-Bank-CEO Roland Matt erläuterten in ihren kurzen Impulsvorträgen, wie die Erfolgsfaktoren des Private Bankings in Liechtenstein und der Schweiz langfristig gewahrt werden können. 

In der anschliessenden Podiumsdiskussion unter der Leitung von Moderator Reto Lipp beurteilten die beiden Bankchefs den Niedergang der Credit Suisse und zeigten auf, warum die Dienstleistungen von Privatbanken in Familienbesitz in schwierigen Zeiten besonders stark gefragt sind.

Zum Abschluss der Tagung sprach der bekannte Ökonom Klaus Wellershoff über das schwierige Marktumfeld für Anleger und Investoren. Der Gründer und Verwaltungsratspräsident von Wellershoff Partners ging darauf ein, wie die höhere Inflation und der Anstieg der Zinsen den Beginn einer Bankenkrise markieren und welche Rückschlüsse daraus für die Entwicklung der Finanzbranche abzuleiten sind.

450 Gäste aus dem deutschsprachigen Raum 

Das Finance Forum Liechtenstein ist die zentrale Dialog- und Imageplattform für die Finanzbranche. Die Tagung wird von der Regierung des Fürstentum Liechtenstein getragen und von den wichtigsten Finanzverbänden des Landes sowie Partnern aus der Privatwirtschaft unterstützt. Sie findet seit 2015 jährlich statt und lockt mehrere hundert Entscheidungsträger und Finanzfachleute an.

An der diesjährigen Konferenz nahmen 450 Teilnehmerinnen und Teilnehmer teil und verfolgten die Referate und Diskussionsrunden, besuchten informative Workshops und vernetzten sich beim Networking-Apéro.

 Informationen unter http://www.finance-forum.li

Selfie mit Thomas Zwiefelhofer (Member of the Group Board First Advisory), Christoph Heusgen (Vorsitzender MSC), Regierungschef Daniel Risch (v.l).

Bild: Roland Rick

 

 

Roland Matt (CEO LGT Bank), Zeno Staub (CEO Vontobel), Thomas Zwiefelhofer (Board Member First Advisory), Christoph Heusgen (Vorsitzender MSC), Regierungschef Daniel Risch, Klaus Wellershoff (CEO Wellershoff & Partners) (v.l.)

Bild: Roland Rick