„Die Schweiz ist erfolgreich, weil sie immer in Bewegung bleibt“

Der Schweizer Bundespräsident verbreitet mit seiner Ansprache zum Nationalfeiertag Aufbruchstimmung. Es ist eine Motivationsrede an eine angstgelähmte Bevölkerung in unsicheren Zeiten. Alain Berset appelliert dabei an den Mut der Menschen und ihre Kreativität, als wolle er sagen: Hey, steh auf und geh weiter.  

1. August 2023 | Rita Feger
Gesellschaft

Alain Berset beginnt seine Ansprache zum Schweizer Nationalfeiertag mit den Worten: “Es rattert, rasselt und ruckelt. Es zischt, pfeift und quietscht.” Der Bundespräsident befindet sich im Espace Jean-Tinguely–Niki-de-Saint-Phalle, ein Museum in Freiburg im Ăśechtland mit Werken des KĂĽnstlerehepaars Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle. Hinter ihm das Werk „Retable de l’Abondance occidentale et du Mercantilisme totalitaire” zu Deusch: “Altarbild des westlichen Ăśberflusses und des totalitären Merkantilismus“ von Jean Tinguely aus den 1990er Jahren. 

Weg aus der Lähmung

Beeindruckt vom Meisterwerk mit Eigenleben zitiert Berset den Künstler: “Ich malte und malte und malte, aber es gelang mir nie, ein Bild fertigzustellen. Es war, als sei ich gelähmt, als lande ich stets in einer Sackgasse. Bewegung zeigte mir einen Weg aus dieser Lähmung. Bewegung erlaubte mir zu sagen, ok, jetzt ist es geschafft.”  

Als Land und Gesellschaft befänden wir uns, so Berset, heute in einer ähnlichen Situation. Krieg und Klimawandel machen Angst und Angst lähmt. In diesen unklaren Verhältnissen würden wir uns alle nach einem klaren Bild und Eindeutigkeit sehen, stellt der Bundespräsident fest. 

Schweiz als Land in Bewegung 

Die Schweiz müsse sich den gegenwärtigen Herausforderungen stellen und das ginge nur, indem sie sich anpasst und wo nötig auch verändert. Vor Veränderung hätten aber auch viele Angst. Nicht zuletzt sähen viele Menschen in der Schweiz einen sicheren Hafen, den man schätzen gelernt hat und erhalten will. Dennoch, wiederholt Berset, “wir malen und malen und merken, dass wir mit unserem Bild nicht fertig werden ”. So gelange man zum gleichen Schluss wie Tinguely: “ Wir können erst sagen, es ist geschafft, wenn wir die Schweiz als Land in Bewegung begreifen.” Eine Schweiz in Bewegung, dieses Selbstbild hätten bereits die Gründer des modernen Bundesstaates gehabt, dessen Verfassung in diesem Jahr den 175igsten Geburtstag feiert. 

„Ein Wurf braucht Mut“

Damals, im Jahre 1848, habe man die Verfassung einen grossen Wurf genannt und das treffe es, betont der Bundespräsident, sehr genau: “Ein Wurf braucht Mut, ein Wurf gewichtet die Chancen höher als die Risiken. Ein Wurf steht für die Überzeugung, dass wir die Zukunft selber steuern können und den Verhältnissen nicht einfach ausgeliefert sind. “ 

Bezugnehmend auf aktuelle weltpolitische Krisenherde, von denen auch die Schweiz betroffen ist, will Berset zum Handeln ermutigen: “Wir feiern den Geburtstag in einer schwierigen Zeit – Krieg, Klimakrise, Inflation. Die Verunsicherung löst Ă„ngste aus. Aber sie kann uns auch wieder kreativer machen. Auch unsere Verfassung entstand in einer schwierigen Zeit, nach einem BĂĽrgerkrieg. Und trotzdem bewiesen die Autoren der Verfassung Mut, Zuversicht und Fortschrittsglauben.“ 

“Die Schweiz ist erfolgreich, weil sie dazulernt”

In diesem Sinne soll der 175igste Geburtstag der Schweizer Bundesverfassung gefeiert werden, indem man sich der Handlungsmöglichkeiten bewusst werde und sich frage in welcher Schweiz man leben möchte. 

“Die Schweiz war und ist erfolgreich, weil sie dazulernt und sich immer wieder hinterfragt, weil sie, um bei Tinguely zu bleiben, immer in Bewegung bleibt. 1848 gelang uns nach Jahren ein grosser Wurf. Die Schweiz traute sich damals viel zu, trauen wir uns heute auch viel zu und wir werden zusammen viel erreichen.” Mit diesen Schlussworten wünscht der Bundespräsident, der an die Kraft der Bewegung glaubt und dieses Jahr nicht mehr zur Wiederwahl antritt, allen einen schönen ersten August. 

Ewig in Bewegung: Der Rhein in Basel auf den Helvetia hinunter blickt.

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