Deutsche Industrie bezweifelt baldigen Kohleausstieg 

Berlin - Die deutsche Industrie sieht kaum noch Chancen für einen vorgezogenen Kohleausstieg in Deutschland. Als Grund nannte Industriepräsident Siegfried Russwurm eine fehlende Strategie von Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) über Anreize zum Bau neuer Gaskraftwerke. 

23. Dezember 2023 | News International
Welt

Die deutsche Regierung setzt beim Umbau des Stromsystems auf erneuerbare Energien aus Wind und Sonne. Ziel ist es, dass 80 Prozent des verbrauchten Stroms in Deutschland im Jahr 2030 aus erneuerbaren Quellen kommt. Derzeit ist es etwas mehr als die Hälfte.

Unternehmen warten seit langem auf eine Kraftwerkstrategie von Habeck, die eigentlich bereits im Sommer vorgelegt werden sollte. Neue Gaskraftwerke sollen in „Dunkelflauten“ – wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint – als „Backup“ einspringen, um die Stromnachfrage zu decken. Sie sollen zunächst mit Erdgas und später mit klimaneutralem Wasserstoff betrieben werden. Energieunternehmen scheuen aber bisher Investitionen, weil sich die neuen Kraftwerke bisher nicht rechnen.

Habeck hatte staatliche Förderungen angekündigt, die sich im Milliardenbereich bewegen. Möglich ist ein Anreizsystem, mit dem es honoriert wird, dass Betreiber Kraftwerkskapazitäten vorhalten. Die Regierung muss allerdings nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts Milliardenlöcher im Haushalt für 2024 sowie im Klima- und Transformationsfonds stopfen.

„Es wird privatwirtschaftliche Investitionen brauchen, und die mĂĽssen sich lohnen – und zwar auch bei wenigen Betriebsstunden im Jahr“, sagte Russwurm. „Ich bin ein Fan davon, Erneuerbare zuzubauen. Aber zur Ehrlichkeit gehört zu sagen, dass man fĂĽr die Dunkelflaute Reserven braucht. Von ausreichenden Speicherkapazitäten sind wir weit entfernt.“ GenĂĽgend wasserstofffähige Gaskraftwerke seien Zukunftsmusik.

„Bei der AnkĂĽndigung ihrer Kraftwerksstrategie hat die Bundesregierung unterstellt, dass wir in Zeiten, in denen Strom bei uns knapp ist, erhebliche Mengen aus dem Ausland importieren können und wir deshalb nur 25 Gigawatt zubauen mĂĽssen,“ sagte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie. „Das ist eine höchst optimistische These, weil sie davon ausgeht, dass unsere Nachbarn immer dann Ăśberschussstrom haben, wenn wir ihn brauchen. Aber auch 25 Gigawatt Zubau bedeutet 50 neue Kraftwerke.“ Dies sei eine immense Ambition.

„In dem Mass, wie dieser Zubau nicht gelingt, wird der Bundesnetzagentur zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit kaum etwas anderes ĂĽbrigbleiben, als Kohlekraftwerke weiter am Netz zu halten“, sagte Russwurm. „Und Elektroautos, die mit Strom aus Kohlekraftwerken fahren, wären nun wirklich ein schwerer RĂĽckschlag fĂĽr den Klimaschutz.“

Die Ampel-Koalition hatte sich darauf verständigt, den Kohleausstieg „idealerweise“ auf 2030 vorzuziehen, um den Ausstoss klimaschädlichen Kohlendioxids zu verhindern. Bisher ist ein um acht Jahre vorgezogener Ausstieg aber nur im Rheinischen Revier beschlossen. In den Revieren in Ostdeutschland ist er umstritten.

Auf die Frage, ob er noch eine Chance sehe fĂĽr einen Kohleausstieg 2030, sagte der BDI-Präsident: „Ganz ehrlich, mir fehlt die Fantasie dafĂĽr.“ Gleichzeitig in wenigen Jahren 50 Gaskraftwerke zu bauen, sei kaum vorstellbar. Es gebe nur wenige Hersteller, die in der Lage seien, wasserstofffähige Gasturbinen herzustellen, dies sei ausserdem weder einfach noch preiswert. „Wenn allein in Deutschland 50 gleichzeitig bestellt, geplant, genehmigt und gebaut werden sollen, ist das eine Zielsetzung, die mir wenig realistisch erscheint.“

(APA/dpa)

 

 

Kohlekraftwerke bisher ohne Alternative.

Bild: Oliver Berg