«Der Zollvertrag war eine kluge politische Weichenstellung»

Mit dem Liechtenstein-Empfang am Donnerstag in Bern enden die offiziellen Feierlichkeiten bezüglich des 100-Jahre Jubiläums des Zollvertrags zwischen der Schweiz und Liechtenstein. Den Auftakt zu den verschiedenen Festakten gab der Gala-Abend am 29. März, dem Tag, an dem vor hundert Jahren der Zollvertrag unterzeichnet wurde. Geladen waren zahlreiche Gäste aus Politik und Wirtschaft, darunter auch Bundespräsident Alain Berset. Der Bundespräsident sowie S.D. Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein erklärten sich bereit liwelt jeweils zwei Fragen zu beantworten. Beide wurden unabhängig voneinander befragt. 

16. Juni 2023 | Rita Feger
Liechtenstein

Durchlaucht, was sind aus Ihrer Sicht die drei grössten Vorteile, die Liechtenstein in der Vergangenheit aus dem Zollvertrag mit der Schweiz gezogen hat?

Erbprinz Alois: Der Zollvertrag hat Liechtenstein den freien Zugang zum Schweizer Wirtschaftsraum gebracht. Dank dem Zollvertrag konnte Liechtenstein ausserdem im Bereich des Warenverkehrs von den Aussenhandelsverträgen der Schweiz profitieren. Schliesslich wäre Liechtenstein während des Zweiten Weltkrieges ohne dem Zollvertrag mit der Schweiz in eine ganz schwierige Lage gekommen.

Wie sehen Sie das, Herr Bundespräsident, von welchen drei Vorteilen aus dem Zollvertrag hat die Schweiz in der Vergangenheit am meisten profitiert?

Alain Berset: Der Zollvertrag war eine kluge politische Weichenstellung. Beide Länder hatten nach dem ersten Weltkrieg ein grosses Interesse, dass Liechtenstein wirtschaftlich nicht isoliert wird. Liechtenstein und die Schweiz standen sich schon immer nah. Der Zollvertrag brachte die beiden Länder noch näher zusammen. Im Laufe der Jahrzehnte sind die Wirtschaftsräume immer weiter zusammengewachsen. Davon haben beide Länder profitiert – politisch und wirtschaftlich.

Eine Krise löst die andere ab: Nach Corona kam der Ukraine-Konflikt mit all seinen Konsequenzen für die Europäische Wirtschaft. Herr Bundespräsident, kann die Schweiz vom Zollvertrag mit Liechtenstein in Bezug auf die aktuellen Krisen der Weltpolitik profitieren?

Alain Berset: Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist eine brutale Attacke auf ein friedliches Land, auf das Völkerrecht und den Multilateralismus. Das betrifft kleinere Länder mit offenen Volkswirtschaften wie die Schweiz und Liechtenstein stark. Wir sind auf eine internationale Ordnung, die klaren Regeln folgt, unbedingt angewiesen. Das heisst, starke internationale Organisationen, multilaterale Zusammenarbeit und die Verteidigung des Völkerrechts. Die Schweiz und Liechtenstein arbeiten auf internationaler Ebene sehr eng zusammen, etwa in der UNO.

Ihre Durchlaucht, welchen Nutzen zieht Liechtenstein hinsichtlich der Bewältigung internationaler Herausforderungen aus dem Zollvertrag mit der Schweiz?

Erbprinz Alois: Als sich aufgrund von Corona die verschiedenen Staaten in Europa eingekapselt haben, war es für uns ein grosser Vorteil, dass wir ohne die Notwendigkeit von Zertifikaten oder Ausnahmebestimmungen frei in die Schweiz reisen konnten. Auch hinsichtlich der aktuellen Mangelsituation im Energiebereich bewährt sich der Zollvertrag.

Bundespräsident Alain Berset mit Erbprinz Alois und Erbprinzessin Sophie von und zu Liechtenstein ausgelassen am Gala-Abend. Bild: Liechtenstein Marketing

S.D. Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein und Bundespräsident Alain Berset. Bild: Liechtenstein Marketing