„Dem Volk muss eine Alternative zum Neubauprojekt präsentiert werden“

Dr. med. Markus Anton Risch, praktizierender Arzt sowohl am Unispital Balgrist in ZĂĽrich als auch an der Augenklinik Reis in Liechtenstein, beantwortet Fragen ĂĽber den umstrittenen Neubau des Liechtensteinischen Landesspitals (LLS).

8. Januar 2024 | Redaktion
Liechtenstein

Herr Risch, Sie sind Mediziner und mehr als 25 Jahre medizinisch tätig – in der Schweiz und in Liechtenstein. Welche Aufgaben muss das Landesspital Liechtenstein Ihrer Ansicht nach erfüllen?

Das Landesspital ist einer der Eckpfeiler neben der gut funktionierenden Hausarzt-Medizin in Liechtenstein – nicht wegzudenken in der medizinischen Grundversorgung der liechtensteinischen Bevölkerung. Allgemein häufige Erkrankungen können hier von den bestehenden Disziplinen Innere Medizin und Allgemeine Chirurgie behandelt werden. Seltene Erkrankungen oder schwer verletzte Patienten werden an Spezialkliniken weitergeleitet.

Der bereits gut funktionierende Notfall ist rund um die Uhr, 365 Tage für jede und jeden offen. Im Spital wird triagiert, therapiert und bei Bedarf wird der Patient auch an spezialisierte Vertragspitäler verlegt. 

Was wäre ein konkretes Beispiel für eine solche notfallmässige Verlegung?

Zum Beispiel, wenn jemand eine Herzoperation benötigt oder einen schweren Unfall erlitten hat. In solchen Fällen würde der Patient per Helikopter oder Rettungsdienst mit Notarzt in ein entsprechendes Spital verlegt. Weiter müssen gewisse Patienten nach erfolgter Diagnostik und festgestellter komplexer Erkrankung an die entsprechenden Kompetenzzentren an Spezialkliniken überwiesen werden. 

ErfĂĽllt das Spital am jetzigen Standort diese Aufgaben?

Ja, diese medizinische Versorgung ist am jetzigen Standort gewährleistet. Die bauliche Infrastruktur auf dem jetzigen Areal des LLS ist zweifellos in die Jahre gekommen. Es stellt sich deshalb die Grundsatzfrage, ob eine Erweiterung und Erneuerung des bestehenden LLS einem Neubau auf der grünen Wiese vorzuziehen ist. Der Spitalbau erweist sich als komplex und anspruchsvoll. Eine besondere Herausforderung ist die schnelle medizinische Entwicklung, welcher der Spitalbau nicht parallel folgen kann.

Wie kann die medizinische Entwicklung berĂĽcksichtigt werden?

Aus planerischer Sicht wäre eine etappenweise Erweiterung gegenüber einem Neubau auf der grünen Wiese möglicherweise von Vorteil, da eine etappenweise Umsetzung der baulichen Erneuerung es ermöglichen würde, auf die medizinischen Entwicklungen zu reagieren.

Mit einem riesigen Neubau verbauen wir uns eine sinnvolle Entwicklung in der Gesundheitsversorgung

Wir müssen zukunftsorientiert denken, voraussehen, was die Zukunft dem Gesundheitswesen bringen wird. Versäumnisse, die in der Vergangenheit begangen wurden, sollten wir nicht wiederholen.

Es gilt flexibel zu bleiben für die Herausforderungen und Neuerungen, die im Gesundheitswesen stetig stattfinden und stattfinden werden – seien es bessere Therapiemöglichkeiten, technische Entwicklungen, seien es ökonomische Aspekte des Gesundheitswesens oder neue Zielvorgaben der Gesundheitspolitik. Mit einem riesigen Neubau verbauen wir uns eine sinnvolle Entwicklung in der Gesundheitsversorgung beziehungsweise „verlochen“ wir unnötig Geld.

Welche Fehler wurden in der Vergangenheit begangen, die heute nicht rückgängig gemacht werden können?

Unflexible Spitalbauten, die es nicht zugelassen haben, eine mögliche Erweiterung zu planen und umzusetzen mit Blick auf medizinische Entwicklungen. So gibt es heute Disziplinen in der Medizin, die vor 20 Jahren noch nicht da waren. Dies gilt aber speziell für Zentrum-Spitäler mit Spezialdisziplinen und nicht für das Landesspital.

Der Denkfehler in Liechtenstein wäre, mit einer Erhöhung der Bettenkapazitäten zu versuchen, die künftigen Herausforderungen im Gesundheitswesen zu bewältigen. 

Ja, aber wir hören so viel über Erweiterung der Bettenkapazität. Es geht offenbar nicht ohne. Sehen Sie das anders?

Ich bin überzeugt, dass sich das bestehende Behandlungsangebot im Vergleich zu einem Zentrum-Spital nur geringfügig ändern wird. Der Fokus sollte auf das bestehende Angebot gerichtet sein. Ziel muss sein, die Abläufe sowohl medizinisch als auch wirtschaftlich zu optimieren.

Der jetzige Standort hat mehrere Vorteile: Zentrumsnähe, ÖV-Anschluss und eine funktionsfähige Infrastruktur 

Die kürzere Verweildauer im Spital aufgrund ambulanter statt stationärer chirurgischer Eingriffe wie auch andere therapeutische Massnahmen werden die aktuelle Bettenkapazität zusätzlich entlasten. Gerade die Überschaubarkeit unseres Landes ermöglicht es uns, neue unkonventionelle medizinische Wege zu gehen. 

Aus dem Gesagten muss ich Ihnen doch eine provokative Frage stellen. Ihrer Meinung nach soll der jetzige Spitalstandort in Vaduz erhalten bleiben? 

Ich möchte und kann die bauliche Infrastruktur des Spitals nicht bewerten, da dies nicht meine Expertise ist. Der jetzige Standort hat aber mehrere Vorteile: die Nähe des Zentrums, den ÖV-Anschluss, die bestehende Infrastruktur ist funktionsfähig usw. Die Frage, die ich in die Runde werfen möchte: Können wir mit den modernsten Erkenntnissen das bestehende Spital so umbauen, dass wir für die Zukunft vorbereitet beziehungsweise gewappnet sind?

Glauben Sie, dass der bestehende Kredit von 50 Millionen Franken ausreichend fĂĽr einen Umbau des bestehenden Spitals ist?

Ich bin überzeugt, dass mit dem Budget am jetzigen Standort ein kleines und feines Spital realisierbar ist.  

Auf was stützt sich diese Aussage? Sie haben gesagt, Sie hätten diese Expertise nicht. 

Dem ist so. Darum muss meines Erachtens eine minutiöse Planung vorgenommen werden mit Einbezug von Spezialisten aus mehreren Branchen. Es braucht Architekten und Bauunternehmer, die sich im Bereich Spitalbau und Umbau bereits bewiesen haben. Zudem müssen in die Planung auch alle medizinischen Fachspezialisten des Spitals miteinbezogen werden. Die benötigten Abläufe und optimale Räumlichkeiten müssen die Fachdisziplinen definieren.

Ich habe schon Fehler in anderen Spitälern erlebt bezüglich Raumangebot und Abläufe. Dort wurde leider über die Köpfe hinweg geplant und gebaut, ohne das Personal, das sich tagtäglich an der Front einbringt und arbeitet, anzuhören und einzubeziehen.

Was soll Ihrer Meinung nach gemacht werden, bevor allenfalls eine weitere Volksabstimmung für einen Zusatzkredit erfolgt? 

Dem Volk muss eine Alternative zum Neubauprojekt präsentiert werden. Ein „Nein“ an der Urne ohne Alternative wäre ein immenser Schaden für das Fürstentum und seine Bevölkerung. Diese Alternative muss Folgendes beinhalten: Ein top modernes kleines Spital am jetzigen Standort mit neuen, mutigen medizinischen Dienstleistungen, mit Weitsicht in Sachen digitalen Lösungen, mit einem funktionierenden eigenen Notarztkonzept. Der jetzt schon gut funktionierende Rettungsdienst soll ausgebaut werden.

Was es indes nicht braucht, ist eine Geburtsabteilung. Auch wenn sie wünschenswert ist, sie kann längerfristig nicht finanzierbar und in der nötigen qualitativen Leistung betrieben werden. Die alternative Spitallösung soll dem Volk gleichzeitig mit der anderen geplanten Spitalvariante an einer Urnenabstimmung vorgelegt werden. 

 

Zur Person 

Dr. med. Markus Anton Risch arbeitet seit über 15 Jahren am Unispital Balgrist in Zürich sowie als selbstständiger Arzt und Unternehmer in der Augenklinik Reis in Liechtenstein. Daneben war er zehn Jahre medizinischer Verantwortlicher des Rettungsdienstes LRK (Liechtensteinisches Rotes Kreuz). 

Dr. med. Markus Anton Risch

Bild: zvg

 

In die Jahre gekommenes Liechtensteiner Landesspital in Vaduz.

Bild: Rita Feger