Chiharu Shiota: «Wer werde ich morgen sein?»

Schon der Titel der Dornbirner Ausstellung zeigt: Es geht um mich, also um ein Individuum, die kleinste Einheit einer Gemeinschaft – «Who am I Tomorrow?». Es stellt sich hier nicht weniger als die Identitätsfrage in all ihrer Komplexität, mit allen möglichen Dissonanzen.

21. Juni 2023 | Redaktion
Kultur

In der ehemaligen Montagehalle hängt über Kopf ein rotes labyrinthisch verschlungenes Geflecht. Es vereinnahmt die gesamte Ausstellungsfläche und wir sind mit dem Eintreten direkt mittendrin. Beim zunehmend genauen Betrachten erkennt man ineinander verschlungene Schläuche.

Shiota kehrt ihr Inneres nach aussen

Aufgehängt an der elf Meter hohen Decke, an über 40’000 roten Fäden, scheint die Materie keineswegs statisch, sondern vielmehr in Bewegung: Auf fünf Kilometer langen Wegen in unzähligen Windungen fliesst eine rote Flüssigkeit. An einigen Stellen lösen sich Schläuche aus dem Verbund und führen abwärts, über eine medizinische Pumpe in einen Erlenmeyerkolben.

Die Installation mit dem sprechenden Titel „Who am I Tomorrow?“ der Künstlerin entfaltet die faszinierende Anmutung eines lebenden, überdimensionierten und eigenständigen Organismus. Er scheint über den Besuchenden zu schweben, genau eingepasst in die schutzgebende historische Architektur, verbunden mit ihr durch eine nicht erfassbare Anzahl roter Verbindungslinien.

Shiota kehrt hier Inneres nach aussen. Wir alle leben, arbeiten, schlafen, lieben und leiden physisch angetrieben durch ein fortwährend arbeitendes Herz-Kreislauf-System. Mit einer Herzschlagfrequenz von etwa 70 Schlägen pro Minute werden täglich circa 10’000 Liter Blut in rund 100’000 Kilometer Blutgefässe gepumpt. Die Künstlerin isoliert diesen Blutkreislauf vom systemischen Ganzen, vergrössert ihn und fügt ihn ortsspezifisch in die Hallenstruktur ein. 

Gedanklich bewusste Abwesenheit

Die Funktion des Herzens übernehmen die Pumpen, welche scheinbares Blut durch die Adern bewegen. Kurz wird es im Erlenmeyerkolben sogar komplett dem Kreislauf entnommen und in dem Gefäss bewahrt, um von der nächsten offenen Ader mit Hilfe der Pumpe wieder in den Kreislauf eingespeist zu werden. Ein Vorgang, der in der Medizin seine Entsprechung in der ausserkörperlichen Zirkulation mithilfe der Herz-Lungen-Maschine bei Eingriffen am offenen Herzen findet.

In der Ausstellung spiegelt die Abwesenheit des zugehörigen Körpers den genauen Gegensatz, nämlich die gedanklich bewusste Anwesenheit. Denn ohne diesen Körper existiert der Kreislauf schlichtweg nicht. Er ist verwoben in ein ausgeklügeltes System, in welchem ein Funktionsverlust eines Teils Auswirkungen auf alle anderen hat. Dieses hier dargestellte Innere als Kern der physischen Existenz findet seine wiederholte Repräsentation in Shiotas gesamtem Werk. 

Blut steht in diesem universellen Kontext nicht nur allegorisch, sondern faktisch für die Information des Individuums zu Herkunft, Nation, Familie, Gesundheit und Krankheit. Im besten Fall ist Blut unsichtbar verborgen, nicht spürbar, sensorisch abwesend und damit faszinierend, erschreckend – oder seine Sichtbarkeit ist mit Verletzung, Verlust und anderen Extremsituationen und Schicksalsschlägen verbunden.

Die Analogie der künstlerischen Intervention zum Blutkreislauf beschränkt sich nicht auf den Menschen. Sie ist für andere Lebewesen ebenso gültig und hierin die Verbindung des Menschen mit seiner gesamten Umwelt als zentrales Thema in Shiotas Werk formuliert. Die Darstellbarkeit des Inneren, der psychischen Zustände – Erlebnisse, Traumata, Ängste, Schicksalsschläge oder Glücksmomente, Sicherheit oder soziale Kränkung –, findet ihre Entsprechung in der künstlerischen Formgebung. Darin verschränkt sich das Persönliche, das Intime, mit dem Öffentlichen. Für Shiota ist ihre Kunst eine Heimat, ein Kommunikationsmedium mit der Welt. 

Ausstellung im Kunstraum Dornbirn

→ Eröffnung und Sommerfest: Donnerstag am 6. Juli 2023 um 19 Uhr

→ Ausstellungsdauer: 7. Juli – 12. November 2023

(pd)

Chiharu Shiota Japan Festival RBG Kew Temperate House London. Bild: Jeff Eden

 

 

Chiharu Shiota: „Wall“, 2010, Video still.

Bild: Kunstraum Dornbirn