Armutsbericht 2020 offenbart weite Wohlstandsschere  

"Gibt es Armut in Liechtenstein überhaupt?" Um diese offensichtlich realitätsferne Frage zu beantworten, hat das Amt für Statistik in Zusammenarbeit mit dem Amt für Soziale Dienste, der AHV-IV-FAK-Anstalten und der Steuerverwaltung einen Bericht zur finanziellen Situation der Haushalte in Liechtenstein erarbeitet. 

22. Mai 2023 | Redaktion
Region

Mit dem vorliegenden Bericht zur „Armutsgefährdung und Armut 2020“ wurde eine solide Datenbasis geschaffen, anhand derer einerseits eine detaillierte Analyse des Berichtsjahres 2020 und andererseits zukünftig ein Monitoring der Armutsgefährdung und Armutsbetroffenheit in Liechtenstein möglich wird.

Auffällig ungleiche Einkommensverteilung 

Mit einem verfügbaren Medianäquivalenzeinkommen von rund 57’500 Franken nimmt Liechtenstein vor Norwegen und Luxemburg den Spitzenplatz in Europa ein. Bei der Berechnung des verfügbaren Äquivalenzeinkommens fliessen sämtliche Einkommen und obligatorischen Ausgaben sowie die Haushaltsgrösse mit ein. Dadurch werden Vergleiche zwischen verschiedenen Haushalten möglich, unabhängig davon, wie viele Personen darin leben. 

Die verfügbaren Einkommen sind allerdings sehr ungleich verteilt. Zehn Prozent der liechtensteinischen Bevölkerung mussten im Jahr 2020 mit einem Äquivalenzeinkommen von 31’100 Franken oder weniger auskommen, während zehn Prozent über mehr als 111’900 Franken verfügten. 

Liechtenstein weist im europäischen Vergleich einen Gini-Index-Wert (ein statistisches Mass für die Ungleichverteilungen in einer Gruppe) von 34 auf und damit eine beachtlich hohe Ungleichheit in der Einkommensverteilung. 

Von den EWR-Staaten weisen nur Lettland, Litauen und Bulgarien eine ungleichere Verteilung der Einkommen auf. Damit befindet sich Liechtenstein im gesamteuropäischen Vergleich, mit dem Kosovo an der Spitze, dicht gefolgt von der Türkei, an sechster Stelle aller europäischen Staaten, wenn es um ungleiche Einkommensverteilung geht. 

Armutsgefährdung liegt im europäischen Mittelfeld 

Die Armutsgefährdungsgrenze liegt in Liechtenstein bei rund 34’500 Franken für einen Einpersonenhaushalt. Solche Schwellenwerte lassen sich auch für andere Haushaltsgrössen berechnen. 2020 erreichten insgesamt 14.1 % der liechtensteinischen Bevölkerung den jeweiligen Schwellenwert der Armutsgefährdung nicht. Damit liegt Liechtenstein im Mittelfeld der europäischen Vergleichsstaaten. 

Werden auch die Vermögenswerte berücksichtigt, gelten 5.4 Prozent der liechtensteinischen Bevölkerung, das heisst 2’081 Personen, sowohl als einkommens- als auch vermögensarmutsgefährdet. Gleichzeitig verfügen 13.2 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner, also 5’087 Personen, zwar über ein Einkommen über der Armutsgefährdungsschwelle, nicht aber über finanzielle Reserven, welche dem Einkommen von drei Monaten über der Armutsgefährdungsgrenze entsprechen.

Rund 1’200 Menschen leben in Liechtenstein in Armut 

Die Armutsgrenze, welche basierend auf der Verordnung zum Sozialhilfegesetz berechnet wird, lag 2020 bei 23’400 Franken für einen Einpersonenhaushalt. Insgesamt erreichten 3.1 Prozent der Bevölkerung diesen Wert nicht. Damit leben rund 1’200 Menschen in Liechtenstein in Armut. 

Nach Berücksichtigung der Vermögenwerte gelten 0.9 Prozent der liechtensteinischen Bevölkerung als einkommens- und vermögensarm. 14.0 Prozent der Bevölkerung, also rund 5’450 Personen, verfügen zwar über ein Einkommen über dem Schwellenwert, können aber bei einem Wegfall der Einkommen nur auf sehr geringe finanzielle Reserven zurückgreifen.

Entwicklung schwierig zu beurteilen

Um das Ziel eines effektiven Monitorings der Armutssituation zu erreichen, werden die Daten zur Einkommenssituation der liechtensteinischen Haushalte zukünftig jährlich erhoben. Dies ermöglicht es, vergleichbare Daten über mehrere Jahre zu sammeln. 

Die nächste ausführliche Berichterstattung erfolgt zum Berichtsjahr 2025 und danach alle fünf Jahre. Aufgrund dieser zukunftsgerichteten Herangehensweise sowie des gesetzten Fokus auf eine internationale Vergleichbarkeit der Angaben sind Vergleiche mit den vorangegangenen Armutsberichten nur eingeschränkt möglich.

(pd/red)

Simon Gstöhl, Amt für Statistik. Bild: IKR

Der Bericht zur „Armutsgefährdung und Armut 2020“ ist nachzulesen unter: https://www.statistikportal.li/de/themen/soziales/armutsgefaehrdung-armut

Folgende Tabelle zeigt die Kehrseite von Liechtensteins allseits propagiertem Wohlstandsniveau auf: Je höher der Wert des Gini-Index, desto ungleicher die Verteilung. Liechtenstein weist einen Gini-Index-Wert von 34 auf und befindet sich damit zwischen Lettland und Rumänien. Liechtensteins Index-Wert fehlt in der unten angefügten Tabelle, ist jedoch im Bericht aufgeführt.

Einkommen sind in Liechtenstein ungleicher verteilt als in Rumänien.

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